Wer regionale Erzeugung will, muss sie auch (ver)kaufen: Die Kirschen-Causa
„Wer regionale Landwirtschaft in jedem Imagefilm feiert, sie aber im Prospekt gegen Billigimporte antreten lässt, tritt genau das mit Füßen, was er nach außen verspricht“, kommentiert Jon Kotulla vom Hamburger Obsthof Kotulla unter einem Post auf LinkedIn.
Darin wendet sich Daniel Heffter (BLE) digital-direkt an den Handel: „Wollen wir nicht den deutschen Obst- und Gemüsebau im Land behalten? Dann ist diese digitale Werbung für Kirschen (jeglicher Herkunft) in der aktuellen Woche sicher nicht hilfreich“, schreibt er, und fügt zwei Abbildungen aus Angebotsprospekten zweier Discounter hinzu, bei denen der eine Kirschen aus gleich sechs möglichen Herkünften (Deutschland/Türkei/Spanien/Italien/Belgien/Griechenland) bewirbt, der andere wiederum Kirschen aus explizit deutschem Anbau. Bereits vor zwei Wochen ist der Beitrag online erschienen, doch die letzten Tage haben deutlich gemacht, dass das Thema von seiner Brisanz nichts verloren hat.
„Wir Obstbauern im Alten Land stehen jeden Morgen um 5 Uhr in den Anlagen. Wir investieren in Überdachungen, in neue Sorten, in Qualität, in Menschen. Wir tun alles, um heimische, regionale Spitzenprodukte zu erzeugen – frisch, nachhaltig, mit kurzen Wegen. Und was passiert mitten in der deutschen Kirschsaison? Dauerwerbung mit Aktionspreisen von 3,30 €/kg für Kirschen ‚jeglicher Herkunft‘ – Deutschland in einem Topf mit Importware aus fünf Ländern“, so Jon Kotulla.
Dass diese Rechnung nicht aufgehen kann, stellt er direkt danach klar: „Bei 3,30 €/kg im Regal liegt der Auszahlungspreis für den Erzeuger bei rund 2,60-2,30 €/kg. Davon sollen Pflücklöhne zum deutschen Mindestlohn, Regenschutzüberdachungen, Sortierung, Verpackung und Pflanzenschutz bezahlt werden? Das ist keine Kalkulation – das ist eine Abwicklung auf Raten“, mahnt er.
Auch auf dem Thüringer Kirschentag wurde Anfang Juli diskutiert, wie unsere Korrespondentin Marlis Heinz berichtet – ihren vollständigen Artikel lesen Sie in Ausgabe 17 des Fruchthandel Magazins, die am kommenden Freitag (7. August) erscheint.
Thüringen: Top Erwartungen - doch „Preise unter der Gürtellinie“
In Thüringen hat der Anbau von Süß- und Sauerkirschen eine lange Tradition: Auf ca. 24 % der Thüringer Gesamtobstanbaufläche werden dem Thüringer Landesamt für Landwirtschaft und Ländlichen Raum (TLLLR) zufolge heute erwerbsmäßig Kirschen angebaut. In diesem Jahr sind die Aussichten besonders gut: Wie das Landesamt für Statistik mitteilt, wird 2026 für die Süßkirschen eine Erntemenge von rund 2.000 t mit einem Hektarertrag von 7,3 t erwartet. Damit wird der Ertrag nach dieser ersten Prognose gegenüber dem Mittel der Jahre 2020/2025 um 2,3 t/ha bzw. 45 % überschritten. Bei Sauerkirschen liegt die Prognose bei einem Hektarertrag von 9,9 t, die Ertragserwartung liegt nach dieser 1. Schätzung bei 0,9 t/ha bzw. 10 % über dem Jahresdurchschnitt 2020/2025, die erwartete Erntemenge liegt bei rund 1.600 t.
Laut Destatis wird die deutsche Süßkirschenernte in diesem Jahr 20,5 % über dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre liegen, laut BLE liegt der Selbstversorgungsgrad bei 21,5 %. Dass also trotzdem Ware importiert wird, um die Nachfrage zu decken, ist verständlich – Unverständnis entsteht bei den Landwirten allerdings bei der Art und Weise: Auf dem Thüringer Kirschentag sprachen die Erzeuger von kaum Frostschäden, übervollen Bäumen mit kleineren Kalibern, teilweise hohem Sortieraufwand und „Preisen unter der Gürtellinie“, wie Marlis Heinz einen Teilnehmenden zitiert.
Für Jon Kotulla handelt es sich beim gleichzeitigen Angebot mehrerer Herkünfte nicht um einen „Preiswettbewerb“, sondern um den „Todesstoß für den deutschen Kirsch- und Obstanbau“. „Wenn der LEH regionale Erzeugung wirklich will, muss er sie in der Saison auch verkaufen – sichtbar, fair bepreist", schreibt er. Sonst gebe es in wenigen Jahren keine deutschen Kirschen mehr, die man bewerben könne, lautet seine abschließende Mahnung.
„Eine gute Ernte schafft noch keine Nachfrage", schreibt dazu Janina Bembeneck. Denn neben dem Preis werde auch über Sichtbarkeit, Nutzungskontext und Kommunikation verkauft. Bei Obst vom Bodensee setze man daher jetzt auf moderne Formate mit ASMR, „Instagram-Ästhetik“ und Inhalten, die Menschen dort erreichten, „wo Kaufentscheidungen heute beginnen“, denn Produktion, Vermarktung und Marketing müsse gemeinsam gedacht werden, um heimisches Obst langfristig im Einkaufswagen zu platzieren.
Hier finden Sie die beiden erwähnten Posts von Daniel Heffter und Janina Bembenek.