Seit Jahren wird ein höherer Obst- und Gemüsekonsum empfohlen, die tatsächliche Entwicklung bleibt jedoch hinter den Erwartungen zurück. Wo sieht der Lebensmittelverband die wichtigsten Ursachen für diese Diskrepanz?
Aus Sicht des Lebensmittelverbands ist die Diskrepanz zwischen den Ernährungsempfehlungen und dem tatsächlichen Verzehr vor allem darauf zurückzuführen, dass Ernährungsentscheidungen im Alltag von vielen Faktoren beeinflusst werden. Wissen über gesunde Ernährung ist heute weit verbreitet. Entscheidend sind häufig vielmehr Aspekte wie Zeit, Bequemlichkeit, Routinen, Kochkompetenz, Verfügbarkeit und individuelle Lebenssituationen.
Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht Faktoren wie Convenience, Außer-Haus-Verzehr und veränderte Lebensstile für die Nachfrage nach frischem Obst und Gemüse?
Convenience, Außer-Haus-Verzehr und veränderte Lebensstile spielen dabei eine wichtige Rolle. Je häufiger Mahlzeiten unterwegs, in Kantinen, Schulen, Kitas oder der Gastronomie eingenommen werden, desto stärker hängt der Obst- und Gemüsekonsum von den dort verfügbaren Angeboten ab. Gleichzeitig erwarten Verbraucherinnen und Verbraucher Lösungen, die sich unkompliziert in ihren Alltag integrieren lassen. Deshalb können innovative Angebotsformen – von frischen Snacklösungen bis hin zu tiefgekühlten oder verzehrfertigen Produkten – einen wichtigen Beitrag leisten.
In der politischen Diskussion werden regelmäßig Maßnahmen wie eine Mehrwertsteuersenkung auf Obst und Gemüse oder Einschränkungen für bestimmte Lebensmittelgruppen vorgeschlagen. Welche Instrumente halten Sie für geeignet, um den Konsum tatsächlich zu steigern?
Bei politischen Maßnahmen sollte die tatsächliche Wirksamkeit im Vordergrund stehen. Eine Mehrwertsteuerlenkung halten wir nicht für das geeignete Instrument, um den Obst- und Gemüsekonsum nachhaltig zu steigern. Ernährungsmuster entstehen durch eine Vielzahl von Faktoren und lassen sich nicht durch einzelne Preissignale grundlegend verändern. Erfolgversprechender erscheint ein langfristiger Ansatz, der Ernährungsbildung stärkt, die Attraktivität entsprechender Angebote erhöht und den Zugang zu schmackhaften Obst- und Gemüseangeboten in allen Lebenswelten verbessert.
Welche Verantwortung tragen Lebensmittelhersteller, Handel und Gastronomie bei der Förderung des Obst- und Gemüsekonsums – und wo liegen die Grenzen dessen, was die Branche leisten kann?
Sie können durch Innovationen, attraktive Angebotsformen, Produktentwicklung und Kommunikation dazu beitragen, Obst und Gemüse stärker in den Alltag zu integrieren. Gleichzeitig stößt die Branche dort an Grenzen, wo gesellschaftliche Rahmenbedingungen, individuelle Lebensstile oder Bildungsfragen entscheidend werden. Dabei darf ein weiterer Aspekt nicht übersehen werden: Obst und Gemüse gehören zu den besonders verderblichen Lebensmitteln und weisen entsprechend hohe Verlustquoten auf. Eine erfolgreiche Strategie sollte deshalb nicht allein auf höhere Einkaufs- oder Angebotsmengen abzielen, sondern darauf, dass Obst und Gemüse tatsächlich verzehrt werden. Mehr Angebot ohne entsprechende Akzeptanz würde lediglich zu höheren Lebensmittelverlusten führen. Das gilt insbesondere für die Gemeinschaftsverpflegung. Kitas, Schulen, Mensen und Kantinen bieten große Chancen, positive Ernährungsgewohnheiten zu fördern. Gleichzeitig müssen Angebote so gestaltet sein, dass sie den Vorlieben der Gäste entsprechen und tatsächlich konsumiert werden. Gute Ernährungsbildung, attraktive Zubereitung, ausreichende Zeit für Mahlzeiten und ein professionelles Verpflegungsmanagement sind deshalb ebenso wichtig wie das reine Angebot.
Obst und Gemüse gelten als gesund, dennoch investieren viele Unternehmen deutlich höhere Marketingbudgets in andere Produktkategorien. Wird Obst und Gemüse in Deutschland schlicht zu schlecht vermarktet?
Die Frage, ob Obst und Gemüse zu wenig vermarktet werden, greift aus unserer Sicht zu kurz. Obst und Gemüse verfügen grundsätzlich über ein sehr positives Image. Entscheidend ist weniger die Menge der Werbung als die Frage, wie gut es gelingt, Genuss, Alltagstauglichkeit, einfache Zubereitung und Wertschätzung zu vermitteln. Verbraucherinnen und Verbraucher reagieren langfristig stärker auf attraktive und praktikable Angebote als auf moralische Appelle.
Wenn Sie nur eine Maßnahme nennen dürften, die den Obst- und Gemüsekonsum in Deutschland innerhalb der nächsten zehn Jahre spürbar erhöhen könnte: Welche wäre das?
Wenn wir nur eine Maßnahme nennen dürften, die den Obst- und Gemüsekonsum in Deutschland langfristig erhöhen kann, dann wäre dies die Stärkung der Ernährungsbildung entlang des gesamten Lebensverlaufs. Wer früh lernt, Obst und Gemüse zuzubereiten, ihren Wert zu schätzen und sie selbstverständlich in den Alltag zu integrieren, entwickelt nachhaltigere Verhaltensmuster als durch einzelne finanzielle oder regulatorische Anreize.