von Inga Detleffsen 4 Min Lesezeit X Facebook LinkedIn

Tegut: Verbände fordern Untersagung der Übernahmen durch Edeka und Rewe

Wir hatten bereits über die Entwicklung der Tegut-Märkte berichtet – hier eine knappe Zusammenfassung zum Einstieg:

Im März 2026 gab Tegut den Rückzug der Genossenschaft Migros Zürich aus dem deutschen Markt bekannt. Über 150 Tegut-Filialen sollten an Edeka, knapp 40 an Rewe gehen, wobei ein Großteil der Standorte ins Rewe-Vertriebsnetz integriert werde, hieß es aus Köln; die übrigen Standorte sollten von Penny betrieben werden. 

Von den verbleibenden Filialen werden 36 durch die Tante Enso Süd-West GmbH & Co. KG aus Bremen übernommen – wie das Bundeskartellamt am 11. Juni mitteilte, ist der Erwerb freigegeben. 

Unsere beiden Meldungen dazu haben wir Ihnen am Ende des Artikels verlinkt.

Eingang einer Tegut-Filiale
© Tegut

Das Forum Fairer Handel, Oxfam Deutschland und Rebalance Now haben Ende Juni beim Bundeskartellamt eine gemeinsame Stellungnahme eingereicht und fordern darin, die laufenden Übernahmen von Tegut-Standorten durch Edeka und Rewe zu untersagen. „Das Bundeskartellamt sollte den Rückzug von Migros aus dem deutschen Markt zum Anlass nehmen, um zu prüfen, ob die vier großen Supermarktketten über eine marktbeherrschende Stellung verfügen“, heißt es dort. Durch geringere Einkaufsvolumina als die großen Konzerne hätten es kleinere Einzelhändler immer schwerer, am Markt zu bestehen. 

Verschärfung der Marktkonzentration im LEH befürchtet

Tegut sei bislang ein wichtiger Absatzkanal für kleine und mittelständische Bio-Erzeugerinnen, da Edeka und Rewe in ihren Märkten ein deutlich kleineres Bio-Sortiment führten. Der Wegfall von Tegut als eigenständigem Händler würde daher nicht nur die Absatzmöglichkeiten von Bioproduzentinnen einschränken, sondern dürfte „das Angebot für die Verbraucher*innen in der Folge der Übernahme reduzieren“, argumentieren die drei Organisationen.

Zudem sehen die Verbände in der Übernahme eine weitere Verschärfung der ohnehin hohen Marktkonzentration im deutschen Lebensmitteleinzelhandel: Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe kontrollieren zusammen bereits rund 88 Prozent des Marktes. Es bestünden „Anzeichen für einen eingeschränkten Binnenwettbewerb im Oligopol“, mahnen die Organisationen unter Berufung auf das im Vorjahr erschienene Sondergutachten zu Lebensmittellieferketten der Monopolkommission.

Dort sei „die unvollständige Weitergabe von Kostensenkungen an Kund*innen durch den LEH“ festgestellt worden, während Preiserhöhungen in der Beschaffung „sehr wohl“ weitergereicht würden, was zudem zu einer Margenverschiebung von der Produktion zum Handel bedeute. 

Lieferanten kommen an großen Ketten nicht vorbei 

 Sie fordern das Bundeskartellamt auf, den Fall zum Anlass zu nehmen, eine kollektive Marktbeherrschung dieser vier Unternehmen festzustellen, was strengere wettbewerbsrechtliche Kontrollen zur Folge hätte. Als Beleg für die Marktmacht des Handels gegenüber Lieferanten verweisen die Organisationen unter anderem auf die Insolvenz des spanischen Obst- und Gemüselieferanten Catman Fresh, der laut eigenen Angaben in hohem Maße von der Edeka-Gruppe abhängig war.

In einer Stellungnahme gegenüber Fruitnet wies Edeka diese Vorwürfe jedoch entschieden zurück - den Bericht dazu finden Sie am Ende des Artikels verlinkt.

Als Lebensmittellieferant komme man an den vier großen Ketten nicht vorbei, betonen die Organisationen, da alternative Vertriebswege keine ausreichende Ausweichalternative böten. „In einer Ende 2021 durchgeführten Umfrage von Lieferanten in Deutschland gaben 89 Prozent der Befragten an, dass es für sie existenzgefährdend sei, wenn es nicht zu einer Einigung mit der Spitzengruppe im LEH käme“, heißt es in der Stellungnahme. 

Forderung nach Gegenmaßnahmen für neuen Wettbewerb

Den Rückzug von Migros werten sie als Hinweis auf strukturelle Hürden: „In den letzten Jahrzehnten hat es kein neuer oder ausländischer Wettbewerber geschafft, sich dauerhaft am Markt zu etablieren, was für eine tatsächliche Zugangsschranke zum LEH spricht.“ 

In der Tat hatte Migros-Chef Patrik Pörtig Tegut bereits 2024 als „Sanierungsfall“ bezeichnet und dort „keine Zukunft“ für Migros gesehen, sollte Tegut bis Ende 2026 keine Gewinne abwerfen. Und dass, obwohl der Lebensmitteleinzelhändler aus Fulda noch im Herbst 2024 mit dem „Retail Award“ des Fruchthandel Magazins in der Kategorie Bio-Angebot ausgezeichnet wurde - ein Preis, der von den Konsumenten vergeben wird, die durch eine umfassende Marktforschungsumfrage nach ihren Favoriten befragt werden. Doch die Beliebtheit schien nicht auszureichen: „Wenn Sie mit Märkten in dieser Größe zur Einkaufsstätte für Ergänzungskäufe degradiert werden, dann haben Sie ein Problem – auch wenn Sie tolle Produkte haben“, wird Patrik Pörtig nach dem Aus im März 2026 von der Lebensmittelzeitung zitiert.

Gegenmaßnahmen seien nötig, um „weitere Schäden für Verbraucher*innen, Produktvielfalt, Qualität und Innovation, aber auch für die Lieferanten abzuwenden“ sowie um den Einstieg neuer Wettbewerber zu ermöglichen, fordern die Organisationen. Perspektivisch sei es auch sinnvoll, durch eine sog. Sektoruntersuchung, d.h. eine grundlegende Untersuchung der Marktstrukturen, „mögliche Ansatzpunkte für eine Stärkung der verbleibenden Wettbewerber außerhalb der Spitzengruppe zu identifizieren“, heißt es in der Stellungnahme.

Die Entscheidung des Bundeskartellamts zu den Übernahmeverfahren von Edeka und Rewe wird zwischen August und September 2026 erwartet.

 

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