„Obst und Gemüse brauchen besseres Marketing“
Obst und Gemüse gelten als zentrale Bausteine einer ausgewogenen Ernährung – dennoch steigt der Konsum in Deutschland nur langsam. Woran liegt das, und welche Hebel könnten tatsächlich etwas verändern? Harald Seitz ist Pressesprecher des Bundeszentrums für Ernährung (BZfE) und geht im Interview mit dem Fruchthandel Magazin auf Ernährungsgewohnheiten, Bequemlichkeit und Preise, die Bedeutung der Gemeinschaftsverpflegung und die Frage ein, warum Wissen allein noch lange nicht zu einem anderen Essverhalten führt.
Herr Seitz, wie bewertet das BZfE die Entwicklung des Obst- und Gemüsekonsums in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren?
Der Obst- und Gemüsekonsum hat leicht zugenommen – das ist positiv. Ernährungsgewohnheiten sind sehr stabil und benötigen lange Zeiträume, um sich anzupassen. Zudem spielen in der traditionellen deutschen Küche eher tierische Lebensmittel eine Rolle. Obst und Gemüse werden von Vielen soziokulturell bedingt noch als „Beilagen“ gesehen.
Welche Bevölkerungsgruppen erreichen die Ernährungsempfehlungen für Obst und Gemüse heute besonders selten?
Besonders schwer erreichbar sind Zielgruppen mit bildungsfernerem Hintergrund. Hier bestünde ggf. das größte Wachstumspotenzial im Hinblick auf den Obst- und Gemüsekonsum.
Gibt es Hinweise darauf, dass sich der Konsum bei jüngeren Generationen anders entwickelt als bei älteren?
Jüngere Menschen sind meist offener Neuerungen gegenüber als ältere Generationen und probieren eher neue Sorten/Arten aus. Bei z.B. Hülsenfrüchten könnte die Offenheit auch eine Rolle spielen. Hier kann auch die Erinnerung an schlechtere Zeiten Einfluss auf eine mögliche Ablehnung der Älteren spielen. Gleichzeitig nimmt mit dem Alter evtl. die Verträglichkeit von bestimmten Obst- und Gemüsearten ab. Gleichzeitig zeigen Erhebungen, dass ältere Generationen häufiger frisch kochen – auch öfter Gemüsegerichte. Zudem beobachten wir, dass die Ernährungsbildung in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten eine immer stärkere Rolle spielt und – ganz wichtig – sie nicht mehr isoliert steht, sondern ganzheitlich gedacht wird.
Welche Faktoren bremsen aus Sicht des BZfE derzeit den Obst- und Gemüsekonsum am stärksten?
Dazu zählen fehlende Kompetenzen in Bezug auf den Umgang mit frischem Obst- und Gemüse, also Zubereitungskompetenzen bei den Menschen. Die Bedeutung der Außer-Haus-Verpflegung ist immens. Täglich werden 2,5 Mio Mahlzeiten außer Haus gegessen. Eine Rolle spielen auch Angebote in der Gemeinschaftsverpflegung, die Gemüse immer noch als Beilage betrachten und Kreativität im Angebot schmackhafter vegetarischer Gerichte vermissen lassen. Hier ist noch viel Luft nach oben, z. B. auch in der Ausbildung von Köchinnen und Köchen.
Welche Rolle spielen Preissteigerungen bei frischen Produkten im Vergleich zu anderen Einflussfaktoren wie Zeitmangel oder Bequemlichkeit?
Viele Menschen denken, Obst und Gemüse seien teuer; für manche Obst- und Gemüsearten stimmt das auch. Preissteigerungen können natürlich zusätzlich hemmend wirken, gerade in Deutschland, wo Lebensmittel traditionell eher preiswert sind im EU-Vergleich.
Inwieweit sieht das BZfE einen Zusammenhang zwischen dem steigenden Konsum ultraverarbeiteter Lebensmittel und der stagnierenden Nachfrage nach frischem Obst und Gemüse?
Sicherlich gibt es einen Zusammenhang – vor allem zur Bequemlichkeit der Menschen. Wie viel leichter lässt sich die Schokolade aufpacken oder die Pizza in den Ofen schieben als Gemüse erst zu waschen, zu schneiden, zu garen oder zu würzen. Gleichzeitig spielen Obst und Gemüse in der deutschen Esskultur keine so große Rolle wie in anderen Ländern, z. B. Frankreich, Türkei oder auch Italien.
Welche Maßnahmen im Handel haben sich nach Kenntnis des BZfE als besonders wirksam erwiesen, um den Absatz von Obst und Gemüse zu fördern?
Wichtig ist hier das Angebot von vorgeschnittenem Obst als To-Go-Packung. Fertigsalate, Bowls etc. spielt der Bequemlichkeit in die Hände und kann förderlich sein.
Welche politischen oder gesellschaftlichen Maßnahmen hätten aus Sicht des BZfE das größte Potenzial, den Obst- und Gemüsekonsum in Deutschland nachhaltig zu erhöhen?
Fiskalische Maßnahmen wie die Senkung der Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse (auf 0 %) und dafür leichte Steigerung auf ultraverarbeitete Produkte wird in Fachkreisen diskutiert. Eine Einschätzung der Wirksamkeit kann das BZfE allerdings nicht vornehmen. Angebote in der Außer-Haus-Verpfleung/Gemeinschaftsverpflegung: Die Außer-Haus-Verpflegung hat eine große Hebelwirkung. Sie erreicht viele Menschen, hat Vorbildfunktion, wenn die Gerichte schmackhaft sind, kann zum Kennenlernen neuer Gerichte/Lebensmittel beitragen, kann Kinder unterstützen, neue Lebensmittel kennenzulernen, hat einen gewissen sozialen Druck – wähle ich die Bratwurst, wenn alle Kolleginnen und Kollegen zum Gemüse greifen?
Wo sieht das BZfE die größten Chancen, insbesondere Kinder und Jugendliche für einen höheren Obst- und Gemüsekonsum zu gewinnen?
Es ist wichtig, dass in der Gemeinschaftsverpflegung in Kita, Schule, Mensa, am Pausenkiosk oder an Sportstätten wie bspw. Fußballplätzen gesündere Gerichte angeboten werden – nicht immer nur Pommes mit Currywurst. Das Angebot entscheidet bei der Wahl sehr stark mit.
Seit Jahren wird die Bedeutung von Obst und Gemüse für eine gesunde Ernährung öffentlich diskutiert. Warum gelingt es dennoch nicht, dieses Wissen in einen deutlich höheren Konsum zu übersetzen?
Es fehlen Anreize – das Gesundheitsargument zieht nicht bei allen Menschen, tatsächlich kann es etwas „Abstoßendes“ haben, denn keine/r konfrontiert sich gern mit dem Gedanken, krank zu sein oder zu werden. Es fehlt gutes Marketing. Wenn Obst und Gemüse so beworben würden wie ultrahochverarbeitete Produkte, würde es garantiert deutlich mehr gegessen. Außerdem ist es nur in bestimmten Bevölkerungsgruppen „in“ sich gesund zu ernähren. In anderen zählt Fleisch etc. immer noch zu den „in“-Lebensmitteln.
Seit Jahren wird die Bedeutung von Obst und Gemüse für eine gesunde Ernährung öffentlich diskutiert. Warum gelingt es dennoch nicht, dieses Wissen in einen deutlich höheren Konsum zu übersetzen?
Auch wenn die meisten Menschen wissen, dass sie täglich mehrere Portionen Gemüse und Obst essen sollten, fällt es vielen dennoch schwer, diese und andere Ernährungsempfehlungen in die Tat umzusetzen. Faktenwissen allein führt selten zu einer Verhaltensänderung. Unser Verhalten, gerade auch beim Thema Essen und Trinken, wird stark durch Gewohnheiten, soziale Normen und Emotionen gesteuert. Außerdem erfolgen Essentscheidungen immer unter den Bedingungen der Ernährungsumgebungen. Dazu gehören Faktoren wie ein riesiges, dynamisch wechselndes Lebensmittel- und Essangebot, das für den Einzelnen kaum zu überblicken ist, eine Informationsflut und immenser Informationsdruck, dem sich der Einzelne kaum entziehen kann, teilweise mit unwissenschaftlichen, interessensgeleiteten oder falschen Informationen. Auch gesellschaftlich überhöhte Erwartungen bezogen auf die individuelle Gesundheit, Wertevorstellungen, Moralvorstellungen und verzerrte Risikowahrnehmungen zählen dazu. All das führt schnell zur Überforderung. Diese strukturelle Überforderung von Menschen in ihrem Alltagshandeln kann durch Kommunikations- und Bildungsansätze allein nicht gelöst werden. Individuen können – auch bei bestem Willen, höchster Motivation und auch wenn sie optimal ernährungskompetent sind – nur eingeschränkt Verantwortung für die gesundheitlichen, ökologischen, sozialen, wirtschaftlichen Folgen ihres Konsums übernehmen.
Was ist also nötig?
Erforderlich sind ganzheitliche Kommunikations- und Kampagnenansätze, die sowohl die Verhaltens- als auch die Verhältnisprävention im Blick haben. Verhältnisse schaffen Verhalten. Das ist seit langem bekannt. Es reicht also nicht aus, den Blick nur auf die Individuen und ihr Wissen zu werfen, sondern man muss auch auf und in die Systeme schauen und eine Entscheidungsarchitektur schaffen, mit der die empfehlenswertere Wahl auch die leichtere Wahl ist.