von Daniel Schmidt 6 Min Lesezeit X Facebook LinkedIn

DGE: „Die größere Herausforderung ist, Menschen bei der Umsetzung zu helfen“

Gemüse gewinnt langsam an Bedeutung, beim Obstkonsum ist der Aufwärtstrend dagegen längst keine Selbstverständlichkeit. Trotz zahlreicher Aufklärungskampagnen bleibt Deutschland deutlich hinter den Ernährungsempfehlungen zurück. Im Interview erläutert Antje Gahl, Leitung Referat Öffentlichkeitsarbeit bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), warum Wissen allein das Ernährungsverhalten kaum verändert und welche Stellschrauben aus ihrer Sicht wirklich Wirkung entfalten.

Antje Gahl, Leitung Referat Öffentlichkeitsarbeit bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE)
Antje Gahl, Leitung Referat Öffentlichkeitsarbeit bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE)
© A.Höhner/DGE

Die DGE empfiehlt einen täglichen Verzehr von mindestens fünf Portionen Obst und Gemüse. Wie weit ist Deutschland derzeit von diesem Ziel entfernt, und sehen Sie in den vergangenen Jahren Fortschritte oder eher Stagnation?

Seit dem Jahr 2012 zeigte sich ein Anstieg im Verbrauch von Gemüse insgesamt, insbesondere bei Tomaten, Möhren und Roten Rüben sowie frischen Hülsenfrüchten, Beeren- und Schalenobst, Zitronen sowie Tiefkühlgemüse.
Insgesamt bleibt ein Aufwärtstrend für den Gemüseverbrauch erkennbar (+1 kg/Kopf u. Jahr). Er lag im Jahr 2022 bei 111 kg pro Kopf und Jahr. Positive Trends gab es – wie bereits in den vorangegangenen DGE-Ernährungsberichten – insbesondere beim Verbrauch von Tomaten (ca. +500 g/Kopf u. Jahr), Möhren und Roten Rüben (ca. +300 g). Auch der Verbrauch von frischen Hülsenfrüchten (+90 g) ist weiter gestiegen. 

Bei Beeren- und Schalenobst gibt es überwiegend steigende Trends. So ist der Verbrauch von Erdbeeren (+30 g pro Kopf u. Jahr) leicht gestiegen, beim sonstigen Beerenobst ist er mit durchschnittlich ca. +125 g pro Kopf und Jahr deutlicher ausgefallen. Bei Zitronen zeigt sich mit einem durchschnittlichen jährlichen Zuwachs von ca. +100 g pro Kopf ein merklicher Aufwärtstrend. Ansonsten blieb der Verbrauch von Südfrüchten wie Apfelsinen, Clementinen, Pampelmusen, Bananen sowie anderen Südfrüchten und auch Trockenobst weitgehend stabil. Der rückläufige Obstverbrauch der vergangenen DGE-Ernährungsberichte scheint damit zunächst gestoppt. Er lag im Jahr 2022 bei rund 69 kg/Kopf und Jahr.

Trotz dieser positiven Entwicklungen werden die Ernährungsempfehlungen der DGE offenbar noch nicht erreicht. Wo steht Deutschland heute im Vergleich zu den Empfehlungen – und wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?

Unter gesundheitlichen Gesichtspunkten entwickelt sich der Verbrauch von Gemüse in eine wünschenswerte Richtung. Das Gegenteil ist allerdings für den Verbrauch von Obst der Fall. Insgesamt führt die Auswertung der Daten der Agrarstatistik zu ähnlichen Ergeb-nissen wie die mathematische Herleitung der jüngsten lebensmittelbezogenen Ernährungs¬empfehlungen der DGE für Deutschland: Gesundheit und Umwelt profitieren gleichermaßen von mehr Gemüse, einschließlich Hülsenfrüchten, Obst und Nüssen.

Damit das Ziel einer pflanzenbetonten Ernährungsweise erreicht wird, muss der Verbrauch von Gemüse inkl. Hülsenfrüchten, Obst, Getreide, Kartoffeln und Nüssen noch deutlich steigen und der Verbrauch von tierischen Lebensmitteln stark sinken.
Der in der NVS II erhobene Verzehr von Gemüse inklusive Hülsenfrüchte von Erwachsenen in Deutschland liegt mit 134 g pro Tag deutlich unter den Angaben der DGE. Gleiches gilt für den durchschnittlichen Verzehr laut NVS II für Obst inklusive Nüsse mit 175 g pro Tag. Nach den aktuellen Empfehlungen der DGE sollte der Verzehr von Obst und Gemüse bei rund 606 g pro Tag sowie von Nüssen und Hülsenfrüchten bei 22 g pro Tag liegen. 

Trotz zahlreicher Informationskampagnen erreichen viele Verbraucher die empfohlenen Mengen nicht. Warum gelingt es offenbar nur begrenzt, gesundheitsbezogenes Wissen in tatsächliches Ernährungsverhalten umzusetzen?

Die Forschung zeigt seit langem, dass Wissen allein das Ernährungsverhalten nur begrenzt verändert. Ernährung ist ein sehr komplexer Verhaltensprozess und wird entscheidend von unserer Ernährungsumgebung geprägt. Unser Ernährungsverhalten beruht nicht nur auf bewussten und reflektierten Entscheidungen, viele davon werden auch automatisch und unbewusst u.a. aus Gewohnheit getroffen. Täglich treffen wir ca. 200 solcher Entscheidungen in Bezug auf Essen und Trinken. Hinzu kommt, dass wir in einer Umgebung leben, in der energiereiche, stark verarbeitete Lebensmittel oft besonders sichtbar, bequem und gut verfügbar sind. 
 
Wissen und Motivation führen nicht automatisch dazu, sich gesünder zu ernähren. Man denke da nur an den Neujahrsvorsatz sich im nächsten Jahr gesünder ernähren zu wollen und mehr Sport zu machen. Bei vielen Menschen scheitert es dann im Alltag an der Umsetzung. Und das ist von vielen Faktoren abhängig. Ganz entscheidend für unser Ernährungsverhalten ist auch die Ernährungsumgebung. Sie spielt eine zentrale Rolle dabei was, wie viel, wo, wie schnell und mit wem wir essen. Was und wie viel wir tatsächlich essen, wird also auch vom Angebot an Speisen und Lebensmitteln sowie dem Ambiente (Geräusche/Lärm, Platz, Lichtverhältnisse, Temperatur, Musik etc.) und durch die soziale Umgebung (Zeitdruck, Gemeinschaft, Art des sozialen Anlasses) mit beeinflusst.

Welche Maßnahmen halten Sie für besonders wirksam, um den Obst- und Gemüsekonsum in Deutschland langfristig zu steigern – bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen?

Um den Obst- und Gemüseverzehr zu steigern, ist es wichtig, die Lebenswelten so zu gestalten, dass die gesunde Wahl zur leichteren Wahl wird, denn Ernährungs-umgebungen bilden den Rahmen für unser Verhalten. Wir sehen die Gemeinschaftsverpflegung als einen zentralen Hebel für eine ausgewogene und nachhaltigere Ernährung. Mit ihr erreichen wir viele Menschen auf einmal, da hier täglich mehr als 16 Millionen Menschen essen. Insbesondere Kitas und Schulen sind zentrale Orte des Lernens und der sozialen Integration. Eine qualitativ hochwertige Verpflegung nach den Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), auch in Mensen und Betriebskantinen, in Krankenhäusern, Reha-, Senioren- und sonstigen Pflegeeinrichtungen sorgen dafür, dass alle gemeinsam gut miteinander essen können. Zum anderen sollen gesunde Lebensmittel nicht nur verfügbar und erreichbar, sondern auch bezahlbar sein. Dazu soll das gesamte verfügbare Instrumentarium genutzt werden, von der Aufklärung bis hin zu finanziellen Anreizen. Hier könnten bspw. fiskalische Maßnahmen wie eine verringerte Mehrwertsteuer auf Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte hilfreich sein.
 
Wird in Deutschland zu viel über die gesundheitlichen Vorteile von Obst und Gemüse gesprochen und zu wenig darüber, wie der Konsum im Alltag einfacher und attraktiver gemacht werden kann?

Wir wissen heute relativ gut, warum Menschen mehr Obst und Gemüse essen sollten. Die größere Herausforderung ist, ihnen dabei zu helfen, es tatsächlich zu tun. Die entscheidende Frage ist daher, wie der Alltag so gestaltet werden kann, dass Obst und Gemüse die einfachere, attraktivere und naheliegendere Wahl werden.  In der Gemeinschaftsverpflegung setzt man auf der unbewussten Ebene von Essentscheidungen an. Hier kommt bspw. Nudging ins Spiel: Hier werden die Eigenschaften und die Platzierung von Speisen und Getränken so verändert, dass deren Wahl im Vergleich zu den weiteren Optionen attraktiver, leichter und dadurch eher wahrscheinlich wird. Das können bspw. veränderte Portions- oder Tellergrößen sein, die Bereitstellung von Obst an verschiedenen Stellen in Kantinen oder Mensen oder geschnittenes, vorportioniertes Obst und Gemüse auf Augenhöhe im Kühlschrank platziert.

Zu Hause sind die Eltern und Familie ein wichtiges Vorbild. Wenn sie selbstverständlich täglich Obst und Gemüse essen, und wenn Obst und Gemüse immer im Einkaufskorb sind, wird es auch für die Kinder ganz normal sein. Im Alltag mal neue Rezepte auszuprobieren oder sich von ausländischen Küchen und Gerichten inspirieren zu lassen, bringt Abwechslung auf den Teller. Zudem das Essen selbstverständlich auf den Tisch stellen und nicht darüber diskutieren, was daran besonders gesund ist oder was den Kindern vielleicht nicht schmecken könnte. Essen sollte nie als Trost, Strafe oder Belohnung eingesetzt werden – bspw. iss erst dein Gemüse und Obst, dann bekommst du auch etwas Süßes.