Bodensee: Hochwertige Früchte erwartet - große Sorgen um Preise und Zugang zu Wasser
Mit dem traditionellen Auftakt der Bodensee-Apfelsaison hat die Obstregion Bodensee den Beginn der diesjährigen Ernte gefeiert. Die Obstbaubetriebe erwarten trotz eines zunächst sehr trockenen Sommers qualitativ hochwertige Äpfel und sehen sich für die Vermarktung gut aufgestellt, so Obst vom Bodensee (OvB).
Gleichzeitig nutzten die Vertreter der Branche die Saisoneröffnung, um eindringlich auf die wirtschaftlichen Herausforderungen des heimischen Obstbaus aufmerksam zu machen. Im Mittelpunkt standen die Themen faire Erzeugerpreise und eine verlässliche Wasserversorgung.
„Unsere Betriebe produzieren unter höchsten Qualitäts-, Umwelt- und Sozialstandards. Aber Nachhaltigkeit braucht wirtschaftliche Tragfähigkeit. Idealismus allein bezahlt keine Löhne, finanziert keine Investitionen und erhält keinen Familienbetrieb über die nächste Generation“, betont der Vorsitzende der
Obstregion Bodensee, Erich Röhrenbach, vor Gästen aus Politik, Verwaltung, Handel und Landwirtschaft.
Hochwertige Ernte trotz Trockenheit
Die Apfelernte am Bodensee wird auf rund 221.000 t hängende Ware geschätzt und liege damit etwa 7 % unter dem Vorjahr sowie rund 9 % unter dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. Die Obstbauern rechnen jedoch mit hervorragendem Geschmack. Insbesondere das ausgewogene Zucker-Säure-Verhältnis, gute Fruchtfestigkeiten und das attraktive Erscheinungsbild der Äpfel lassen auf eine erfolgreiche Vermarktung hoffen.
Die wichtigsten Sorten bleiben nach der ersten Schätzung die Jonagold-Gruppe mit rund 47.000 t, gefolgt von Gala und Elstar mit jeweils 32.000 t sowie Braeburn mit 24.000 t. Moderne Clubsorten wie Kanzi, Evelina, Kiku oder Magic Star erreichen zusammen rund 45.000 t und stehen inzwischen für mehr als ein Fünftel der Bodenseeproduktion.
Europaweit kleinere Ernte erwartet
Auch national und international fallen die Ernteprognosen geringer aus als im Vorjahr. Für Deutschland wurde nach erster Schätzung Anfang Juli von ca. 1 Mio t Äpfel ausgegangen. Da es anschließend bis Mitte August in vielen Regionen trocken war, rechnet man nach aktuellem Stand damit, dass diese Schätzung etwas zu hoch ist.
Eine neuere Schätzung des Statistischen Bundesamtes geht von 934.000 t aus. Europaweit rechnen die Experten mit etwa 9,5 Mio t Äpfeln, was einem Rückgang von rund 16 % gegenüber dem Vorjahr entspricht und die kleinste EU-Ernte seit 2017 bedeuten würde. Vor diesem Hintergrund sieht die Branche Chancen auf eine Stabilisierung des Marktes. Für ein Marktgleichgewicht in Europa werden etwa 10,7 Mio t benötigt. Die deutlich niedrigeren Erntemengen sollten daher zu einer verbesserten Marktsituation und höheren Preisen führen.
Klare Forderung nach fairen Preisen
Besonders deutlich wurde die Branche bei der Bewertung der wirtschaftlichen Lage. Nach Angaben der Obstregion Bodensee sind die Auszahlungspreise des vergangenen Vermarktungsjahres für viele Betriebe nicht kostendeckend gewesen. Röhrenbach verweist darauf, dass die Produktionskosten in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen sind. Während ein Kilogramm Äpfel im Jahr 2019 noch rund 45
Cent in der Produktion gekostet habe, lägen die Kosten heute bei etwa 65 Cent pro Kilogramm. Gleichzeitig hätten steigende Lohn-, Energie- und Betriebsmittelkosten die Situation verschärft.
„Die Lage im deutschen Obstbau ist ernst. Sehr ernst. Es geht inzwischen nicht mehr nur um die Frage, ob ein Jahr wirtschaftlich gut oder schlecht läuft. Es geht um die Frage, ob wir in Deutschland auch in fünf Jahren noch in nennenswertem Umfang heimisches Obst produzieren werden“, sagt Röhrenbach.
Die Berufsstandsvertreter fordern daher faire Marktbedingungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette sowie eine stärkere Berücksichtigung der tatsächlichen Produktionskosten bei der Preisbildung. Wie Röhrenbach sinngemäß ausführt, müsse die Preisgestaltung künftig auf den Erzeugerkosten aufbauen. Der Preis sollte somit von unten nach oben kalkuliert werden, anstatt den Erzeugern lediglich den Betrag zu überlassen, der nach Abzug aller Kosten von Handel, Vermarktung und Lebensmitteleinzelhandel übrigbleibt.
Wasser wird zur Zukunftsfrage
Als zweites zentrales politisches Thema nennen die Vertreter der Branche die Wasserverfügbarkeit. Die anhaltende Trockenheit habe erneut gezeigt, wie wichtig Bewässerungssysteme für die Zukunft des Obstbaus seien.
Zahlreiche Betriebe investieren bereits in Bewässerungstechnik oder bemühen sich um Genehmigungen für Wasserentnahmen und Speicherlösungen. Viele Projekte würden jedoch durch langwierige Genehmigungsverfahren und hohe Planungskosten verzögert. Die Obstregion Bodensee fordere deshalb einen deutlichen politischen Willen zum Ausbau der Wasserinfrastruktur und schnellere Verfahren für Bewässerungsprojekte. „Wasser ist nicht nur im Kampf gegen Trockenheit, sondern auch zum Schutz vor Frostereignissen unverzichtbar.“
FAIRDI-Projekt für Nachhaltigkeitspreis nominiert
Für positive Impulse in der Branche sorgt das Projekt FAIRDI, das auf robuste Apfelsorten, eine deutliche Reduzierung des Fungizideinsatzes sowie eine enge wissenschaftliche Begleitung setzt. Röhrenbach gibt bekannt, dass FAIRDI gestern für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis Produkte 2027 im Bereich Natur nominiert wurde.
Der Obstregion Bodensee e.V. ist Markeninhaber von FAIRDI und wertet die Nominierung als Bestätigung dafür, dass der Bodenseeobstbau bei Innovation, Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit auf dem richtigen Weg ist.
Langenargen´s Bürgermeister Ole Münder betont: „Der Obstbau hat für unsere Region eine ganz besondere Bedeutung. Er prägt unsere Landschaft, gehört zu unserer Identität und ist gleichzeitig ein wichtiger Wirtschaftszweig.“
„Die deutsche Bodenseeregion zählt zu den klimatisch weltbesten Anbaugebieten für lecker Obst“, sagt auch die Staatssekretärin im Ministerium für Ländlichen Raum, Landwirtschaft und Heimat, Sarah Schweizer MdL.
Gemeinsamer Appell
Zum Abschluss der Saisoneröffnung richten die Berufsstandsvertreter der Obsterzeuger einen gemeinsamen Appell an Politik, Handel und Verbraucher. „Regionale Lebensmittel sind mehr als ein Produkt. Sie stehen für Versorgungssicherheit, Kulturlandschaft, Arbeitsplätze und kurze Transportwege.“ Mit dem Start der Ernte blickt die Branche nun auf eine Saison, in der hochwertige Qualitäten auf eine europaweit knappe Versorgung treffen. Die Obstbauern hoffen, dass sich dies auch in einer besseren wirtschaftlichen Perspektive für die Betriebederspiegeln wird.