Vier Tote in Italien, ein europäisches Problem
Es war selbst in kleinsten Lokalzeitungen in Deutschland zu lesen: Am 1. Juni wurden im süditalienischen Amendolara vier landwirtschaftliche Hilfsarbeiter getötet.
Der 29-jährige Pakistani Waseem Khan und die drei afghanischen Kollegen Amin Fazal Khogjani (28), Safi Iayjad (27) und Ullah Ismat Qiemi (19) wurden lebendig in einem Kleinbus verbrannt. Verhaftet wurden dafür die pakistanischen Staatsbürger Safeer Ahmed und Ali Raza (beide 31), die als Vorarbeiter tätig gewesen sein sollen. Den Anschlag überlebt hat einzig der 35-jährige Afghane Mohammad Taj Alamyar.
Wie Euronews mitteilt, hat dieser sich nun zu den Vorfällen geäußert. Nach Angaben des Überlebenden sei es vor dem Mord zu einem Streit über Arbeitsverträge und Arbeitsbedingungen gekommen. An der Tankstelle hätten die beiden Täter dann Benzin in das Auto geschüttet und ein Feuerzeug hinterhergeworfen, dann die Türen des Fahrzeugs von außen blockiert. Dies belegen Aufnahmen der Videoüberwachungsanlage der Tankstelle, an der das brennende Auto gefunden wurde. Die 45 Euro Tageslohn, die vereinbart waren, habe er nur anfangs erhalten – und zwar schwarz. Für die Fahrt auf die Felder habe er fünf Euro zahlen sollen. Die Unterkunft habe man ihnen gestellt, das restliche Geld habe er niemals erhalten, wird Mohammad Taj Alamyar bei Euronews.it zitiert. Während der Überlebende dort von anfänglicher Schwarzarbeit berichtet, heißt es bei FruitbookMagazine, die vier Opfer hätten wenige Wochen vor der Tat eine reguläre Anstellung erhalten, inklusive einer „bescheidenden, überfüllten Unterkunft“ in Villapiana gemeinsam mit anderen Arbeitskräften. Von dort aus seien sie täglich über 70 km zu den Erdbeerfeldern gebracht worden, wo sie für das Unternehmen Tenute Zuccarella eingesetzt wurden. Dort ist man sich keiner Schuld bewusst: Geschäftsführer Rocco Zuccarella weist entschieden jegliche Vermutung zurück, von diesen Vorgängen gewusst zu haben oder undurchsichtige Geschäfte zu führen. Alle Anstellungen, Gehälter und Kontrollen hätten den Vorgaben entsprochen, der Betrieb habe niemals Beanstandungen durch die Behörden erhalten, erklärte er. Alle Gehälter würden rückverfolgbar per Banküberweisung gezahlt, und die vier Verstorbenen hätten ca. eine Woche zuvor aufgrund von Produktionsrückgängen ihren Einsatz im Betrieb beendet. Falls jemand der Vorarbeiter in kriminelle Machenschaften verstrickt gewesen sei, habe er dies „nicht bemerkt“, wird er auf FruitbookMagazine.it zitiert.
Verschärfte Gesetze bisher wenig wirksam, mehr Kontrollen geplant
Euronews zoomt heraus: Seit 2016 gibt es in Italien deutlich höhere Strafen, die Verantwortung bei Missbrauch liegt nicht nur beim Vorarbeiter, sondern auch beim Arbeitgeber, denn das Gesetz sieht inzwischen auch deren Mitverantwortung vor, sofern sie von Ausbeutung profitieren oder diese dulden. Die verschärften Gesetze reichten jedoch nicht, es fehle an Kontrollen, hinzu komme die Angst der Arbeitnehmer, denn nach einer Anzeige seien die Wartezeiten lang und der (meist immigrierte) Arbeiter bleibe ohne Arbeit, Einkommen oder Unterkunft eventuellen Vergeltungsmaßnahmen schutzlos ausgesetzt, mahnt Cecilia Attanasio Ghezzi.
Die italienische Arbeits- und Sozialministerin Marina Calderone hat für diesen Sommer mehr Kontrollen angekündigt: „Unser Ziel ist es, ehrlichen Unternehmern die Möglichkeit zu geben, ihr Bekenntnis zur Qualität zu bekräftigen und jeder Form der Ausbeutung noch entschlossener entgegenzutreten“, erklärte die Ministerin. Durch immer mehr Daten und deren Vernetzung könnten Risiken schneller und präziser erkannt werden und das Einschreiten vor Ort effizienter gestaltet werden.
Es ist ein europäisches Problem - doch andere Modelle sind möglich
Wie FruitbookMagazine angibt, sei die „unmenschliche“ Unterbringung der Hilfsarbeiter in Villapiana allerdings kein Geheimnis gewesen, die Einwohner hätten die Lage als „normal“ für die lokale Landwirtschaft toleriert, heißt es dort. Nicht mehr hinnehmen möchten die Lage die Mitglieder der italienischen Gewerkschaft CGIL und ihrer auf die Agrarindustrie spezialisierten Untergruppe FLAI CGIL, die zu Protesten und Demonstrationen aufgerufen haben. „Mai più“, nie wieder, lautet ihr Ruf. Wer Rechte einfordert, darf nicht so enden, betonen sie.
„Vier junge Männer starben, da jemand glaubte, ihre Leben seien weniger wert als der Profit“, erklärt der europäische Verband der Landwirtschafts-, Lebensmittel- und Tourismusgewerkschaften EFFAT (European Federation of Food, Agriculture and Tourism Trade Unions). Das sei „in einem Europa, das sich selbst als auf Rechten und Demokratie gegründet definiert, inakzeptabel“, heißt es weiter.
Die Debatte betrifft nicht nur Süditalien, sondern grundsätzlich die Frage, unter welchen Bedingungen die europäischen Obst- und Gemüselieferketten funktionieren. Es sei nicht nur „ein italienisches Problem“, stellt der Verband klar. „Ähnliche Muster der Ausbeutung und der illegalen Arbeitsvermittlung lassen sich in mehreren europäischen Ländern beobachten, von Spanien bis Griechenland, einschließlich Deutschland und Schweden.“
Dabei sei ein anderes Modell durchaus möglich, betont EFFAT. Viele Betriebe zeigten bereits heute, dass sich Landwirtschaft unter Einhaltung von Rechten und Tarifverträgen organisieren lasse. Diese litten jedoch unter dem unlauteren Wettbewerb jener Unternehmen, die Arbeitskräfte ausbeuten, stellt der Verband abschließend fest.