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Schilf-Glasflügelzikade: Schadpotenzial größer als gedacht

Schlechte Nachrichten nicht nur für Deutschlands Zuckerrübenanbauer. Aktuelle Forschungsergebnisse belegen, dass die Schilf-Glasflügelzikade auch Wildkräuter und Dauerkulturen als Wirtspflanzen nutzt.

Rhabarber
Neu ist der gesicherte Nachweis eines Stolbur-verwandten Erregerstamms in Rhabarber und Spargel.
© HVPM dev/AdobeStock

Damit ist klar, dass sich der Schädling, der bakterielle Krankheiten wie Stolbur auf Zuckerrüben überträgt, in der Agrarlandschaft nahezu ungehindert vermehren kann, auch außerhalb klassischer Ackerfrüchte.

Nach Angaben des Verbandes der Hessisch-Pfälzischen Zuckerrübenanbauer wurden jetzt erstmals Wildkräuter, Unkräuter, Dauerkulturen und zusätzliche Kulturpflanzen als Nahrungsquelle des Insekts sowie als Träger der von ihm übertragenen bakteriellen Erreger identifiziert. Damit werde das bislang angenommene Bild eines begrenzt spezialisierten Schädlings grundlegend korrigiert.

Spätestens seit 2022, als auch die Kartoffel als neue Wirtspflanze identifiziert worden sei, gelte die Schilf-Glasflügelzikade als Überträger der schwersten Pflanzenkrankheiten, die derzeit wichtige Nahrungspflanzen in Europa bedrohten, so der Verband. Die jetzt vorliegenden Ergebnisse verschärften diese Einschätzung erheblich.

Neu ist nun dem Verband zufolge auch der gesicherte Nachweis eines Stolbur-verwandten Erregerstamms in Rhabarber und Spargel. Nach heutigem Kenntnisstand werde dieser Stamm in Deutschland ausschließlich durch die Schilf-Glasflügelzikade übertragen.

Damit trügen die Pflanzen die Erreger über Jahre, und die Zikaden könnten sich dort infizieren. Allerdings habe der Spargel selbst bislang keine eindeutigen Schadbilder gezeigt. Alarmierend seien aber die Beobachtungen im Rhabarber; dort sei es in Hotspot-Regionen zu massiven Ertragseinbußen gekommen.

Zusätzliche Brisanz erhält die Situation laut dem Verband durch die Beobachtung, dass offenbar auch die Erdbeere als potenzieller Wirt beider Erreger dienen kann. Der wissenschaftliche Nachweis dazu laufe derzeit. Zudem sei jeweils mindestens ein Erreger inzwischen in Löwenzahn, Bingelkraut und Ackerkratzdistel nachgewiesen worden. An mehreren dieser Pflanzen seien sogar Larven der Zikade gefunden worden. Das sei ein klarer Beleg dafür, dass sich die Tiere dort erfolgreich vermehrten. Die Larven könnten sich auch an einigen Leguminosen ernähren.

„Wir haben es nicht mehr mit einem Spezialisten zu tun, sondern mit einem hoch anpassungsfähigen, polyphagen Insekt“, erklärte Verbandsgeschäftsführer Dr. Christian Lang. Das verändere die gesamte Risikobewertung. Helen Pfitzner, Koordinatorin der Forschungsprojekte zu dem Schädling, warnte eindringlich vor der größten systemischen Gefahr für den europäischen Acker- und Gemüsebau im kommenden Jahrzehnt. Die neuen Erkenntnisse zeigten, dass noch weniger Zeit bleibe, als viele glaubten.
Um Lösungen gegen die Bedrohung zu entwickeln, haben sich nach Angaben des Erzeugerverbandes zahlreiche Akteure zusammengeschlossen. Es seien zwei große Forschungsverbünde beantragt worden, ein Konsortium mit 24 Institutionen auf europäischer Ebene sowie ein weiteres mit 21 Institutionen beim Bundesforschungsministerium. Ziel sei es, Forschung, Monitoring und Gegenstrategien schnell und koordiniert voranzubringen. Getragen würden die Aktivitäten von den Zuckerrübenanbauern in Hessen und Rheinland-Pfalz. AgE

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