Laut der Initiative "Zu gut für die Tonne" des BMLEH entstehen rund 60 % der insgesamt elf Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle in privaten Haushalten - ein guter Grund, sich mit diesen genauer zu beschäftigen.
Klar: Nicht alle dieser Lebensmittelabfälle sind vermeid- oder reduzierbar, denn mitgezählt werden dabei auch Knochen oder nicht essbare Schalen. Dass dennoch einiges an Einsparpotenzial vorhanden ist, zeigt das vom BMLEH geförderte Forschungsprojekt Dialogform private Haushalte 2.0 (DiFo 2.0). Das gemeinsame Projekt der Technischen Universität Berlin und Slow Food Deutschland e.V. hat untersucht, wo vermeidbare Abfälle entstehen und reduziert werden könnten - aber auch festgestellt, dass einmalige psychologische Impulse dafür nicht ausreichen.
Dokumentieren hilft - und "Zero Waste" ist auch nicht das Ziel
Ein Teil des Projektes bestand aus "Miss mit!", wo 222 Haushalte ihre Lebensmittelabfälle sieben Tage vor und sieben Tage nach einer Mitmachaktion in einem "Küchentagebuch" der App von "Zu gut für die Tonne" digital dokumentierten. Die Aktionen hatten u.a. Themen wie Einkaufsplanung, Lagerung, Haltbarkeit und Resteverwertung im Fokus. Wie die TU Berlin berichtet, ist die dokumentierte Gesamtmenge bei den teilnehmenden Haushalten in dieser Zeit um 16,1 % gesunken, die vermeidbaren Lebensmittelabfälle sanken sogar um 27,1 % - also knapp am EU-Ziel. Besonders deutlich sei dabei die Menge der Lebensmittel zurückgegangen, die wegen Verderb oder Schimmel entsorgt wurden.
Tägliches Protokollieren der Abfallmenge hilft also, Entsorgungsgründe und dahinterliegende Muster besser zu erkennen. „Das Küchentagebuch zeigt uns sehr detailliert, was in Haushalten weggeworfen wird und warum. Gleichzeitig sehen wir, dass die Art der Messung selbst eine Rolle spielen kann. Genau daraus entstehen wichtige Fragen für die nächste Generation der Lebensmittelabfallforschung“, sagt Prof. Dr. Nina Langen, Leiterin des Fachgebiets Bildung für Nachhaltige Ernährung und Lebensmittelwissenschaft der TU Berlin.
Waren die individuellen Lebensmittelabfälle bereits gering, konnte durch das Tagebuch-System keine weitere Senkung erreicht werden - angesichts eines gewissen Anteils unvermeidbarer Abfälle sollte ein absolutes "Zero-Waste"-Ziel nicht im Fokus stehen, so die Erkenntnis der Forschenden. „Erfolg bedeutet nicht, dass kein Gramm mehr weggeworfen wird. Entscheidend ist, vermeidbare Abfälle gezielt zu verringern, unvermeidbare Bestandteile realistisch einzuordnen und Maßnahmen mit belastbaren Methoden zu bewerten“, so Nina Langen.
Dauerhafte Veränderungen bleiben abzuwarten und nachzuprüfen
Bei einem weiteren Ansatz reflektierten Teilnehmende Situationen, in denen sie Lebensmittel weggeworfen hatten, obwohl sie dies eigentlich vermeiden wollten, während andere konkrete (mentale) Wenn-Dann-Pläne aufstellten, was sie zukünftig anders machen wollten - eine dritte Gruppe kombinierte beide Konzepte. Wirklich deutlich verringern konnte diese Strategie die Lebensmittelabfälle jedoch nicht.
Künftige Studien sollen nun einzelne Verhaltensweisen und Lebensmittelgruppen gezielter untersuchen, längere Messzeiträume einplanen und prüfen, ob beobachtete Veränderungen dauerhaft bestehen bleiben. Das Küchentagebuch in der App bleibe über drei externe Partner weiter im Einsatz, neue Mitmachaktionen können über die "Zu gut für die Tonne"-Initiative vereinbart werden.