„Den Gemüsebauern die Schuld für die Preissteigerungen beim Gemüse zu geben, bedeutet, nur die letzte Stufe der Lieferkette zu betrachten und dabei den plötzlichen Kostenanstieg zu ignorieren, den die landwirtschaftlichen Betriebe auf dem Feld, bei der Verpackung und in der Logistik hinnehmen müssen.“
Der Gemüseanbau sei eine Branche mit schnellen Zyklen, erklärt Brunelli: „Wenn heute ein Produktionsfaktor teurer wird, wirkt sich das fast sofort auf die Produktkosten aus. Unter gleichen Bedingungen kann der Anbau von Gemüse 30 % bis 50 % mehr kosten.“ In diesem Zusammenhang von „Spekulationen“ zu sprechen, bedeute, die Augen vor der Betriebsrealität zu verschließen, betonte er.
Der Konflikt im Nahen Osten habe dabei direkte und indirekte Auswirkungen: Hohe Kraftstoffpreise etwa beträfen die Landwirte direkt, die inzwischen rund 47 Cent pro Liter Agrardiesel draufzahlen müssten – innerhalb eines Monats sei der Preis von 0,80 Euro pro Liter auf 1,27 Euro/Liter gestiegen. Aber auch indirekt, denn je nach Entfernung erhöhten sich so auch die Preise der Transportunternehmen zwischen 15 % und 25 %, gab er an.
Kostensteigerungen sind für den Verbraucher unsichtbar, für den Landwirt aber entscheidend
Der Kostenanstieg betreffe alle Sparten, neben Düngemittel auch Kunststoffe für den Anbau und die Verpackung sowie alle weiteren Materialien, die zwischen Produktion und POS benötigt würden. „Das sind Posten, die für den Verbraucher oft unsichtbar, aber in der Gewinn- und Verlustrechnung eines Gartenbaubetriebs entscheidend sind“, so Brunelli.
Natürlich seien einige Preise für Gemüseerzeugnisse gestiegen, doch „es muss klargestellt werden, wo diese Erhöhungen ihren Ursprung haben“, betont er weiter. „Der Landwirt ist das erste Glied in der Lieferkette und heute auch der Erste, der unter plötzlichen Preissteigerungen leidet, die oft nur schwer an nachgelagerte Bereiche weitergegeben werden können. Das eigentliche Risiko besteht darin, die Margen der landwirtschaftlichen Betriebe weiter zu schmälern, nicht darin, zusätzliche Gewinne zu generieren.“
Wie lässt sich diese Herausforderung lösen? Für Brunelli gibt es darauf keine einfache Antwort. Steuersenkungen bewertet er nur als kurzfristige Maßnahme, die strukturelle Probleme nicht langfristig lösen könnten. Eine Perspektive sieht er in einer besseren Organisation der Lieferketten: Saisonale Planungen, enge Synergien mit dem Handel, gebündelte Angebote. „Gemeinsam kommt man besser voran, vor allem in Phasen wie dieser“, zeigt er sich überzeugt. Denn es gehe nicht um die Interessen einzelner, sondern darum, die Kontinuität der Produktion, die Verfügbarkeit lokaler Produkte sowie die wirtschaftliche Stabilität einer für die Region unverzichtbaren Lieferkette zu gewährleisten. „Sollten sich die Spannungen nicht rasch legen, könnte die Saison schwierig werden“, so Brunelli abschließend.