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EU und Vereinigtes Königreich drohen im globalen Agrarwettbewerb weiter zurückzufallen

Die EU und das Vereinigte Königreich drohen im Wettbewerb mit wichtigen Agrarnationen wie den USA, Brasilien, China, Kanada und Indien weiter zurückzufallen. 

Symbole im Bereich Pflanzenschutz
© Andrii Yalanskyi/AdobeStock

Eine größere Offenheit gegenüber neuen Technologien und ein entsprechender regulatorischer Rahmen könnten allerdings neue Chancen eröffnen. Denn Landwirtinnen und Landwirte benötigen einen schnelleren Zugang zu Innovationen, um den Herausforderungen des Klimawandels und dem steigenden Produktivitätsdruck begegnen zu können. Zu diesem Ergebnis kommt eine von Bayer in Auftrag gegebene Studie, die eine ökonomische Analyse von Oxford Economics mit einer repräsentativen Befragung von mehr als 8.000 Verbraucherinnen und Verbrauchern und vertiefenden Interviews mit Landwirtinnen und Landwirten in acht europäischen Märkten kombiniert. 

Die Ergebnisse unterstreichen die strategische Bedeutung der Landwirtschaft für die Ernährungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und strategische Autonomie Europas. Der Ackerbau trägt 246 Mrd Euro zum Bruttoinlandsprodukt der Europäischen Union sowie 5,7 Mrd Euro zum BIP des Vereinigten Königreichs bei. Darüber hinaus stoßen eine Milliarde Euro, die im Ackerbau erwirtschaftet werden, weitere knapp drei Milliarden Euro an Wertschöpfung in nachgelagerten Wirtschaftsbereichen an. Gleichzeitig zeige die Studie, dass Europa im internationalen Vergleich an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Zwischen 2011 und 2023 wuchs die Produktion im Ackerbau in der EU durchschnittlich lediglich um 0,1 % pro Jahr. Im Vereinigten Königreich lag das Wachstum sogar bei null Prozent. Zum Vergleich: Der globale Durchschnitt lag bei zwei Prozent. In den Vereinigten Staaten betrug das durchschnittliche Wachstum jährlich ein Prozent. In China, Kanada und Indien wurden Wachstumsraten zwischen zwei und drei Prozent erzielt und Brasilien gehörte mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 3,3 % zu den am stärksten wachsenden Agrarmärkten weltweit. Auch der langfristige Vergleich fällt deutlich aus: Die durchschnittliche Produktion in der EU lag lediglich zwei Prozent über dem Niveau des vorangegangenen Jahrzehnts. In den USA stieg die Produktion im gleichen Zeitraum um 16 %. Kanada verzeichnete ein Plus von 44 %, Brasilien sogar von 51 %.

Dieser Wettbewerbsdruck wird durch stark gestiegene Betriebsmittelkosten und die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels verschärft. Klimabedingte Risiken verursachen bereits heute geschätzte jährliche Schäden in Höhe von 17,4 Mrd Euro. Das entspricht 6,4 % der Produktion im Ackerbau in der EU. Bis 2050 könnten die jährlichen Verluste auf 24,8 Mrd Euro bis 28,9 Mrd Euro ansteigen.

Die Untersuchung identifiziere zudem ein weiteres Risiko. Die Herausforderungen für Landwirte nehmen deutlich schneller zu als Innovationen ihren Weg in die Praxis finden. Produzenten aus anderen Weltregionen verfügen oftmals über einen breiteren und schnelleren Zugang zu modernen Saatguttechnologien, Pflanzenschutzlösungen und digitalen Anwendungen. Nach Einschätzung von Oxford Economics können moderne Technologien wesentlich dazu beitragen, klima- und geopolitikbedingte Risiken besser zu bewältigen und so die Wettbewerbsfähigkeit und Widerstandskraft des Agrarsektors zu stärken.

„Die EU und das Vereinigte Königreich stehen vor wachsenden Herausforderungen für die Widerstandsfähigkeit ihrer Landwirtschaft. Um dem entgegenzuwirken, muss Landwirtschaft als strategischer Schlüsselsektor für Europas Autonomie und Wettbewerbsfähigkeit verstanden werden“, sagt Frank Terhorst, Leiter Strategie & Nachhaltigkeit der Division Crop Science von Bayer. „Entscheidend ist, Innovationen als Chance zu begreifen und nicht als Risiko. Europa hat das Potenzial, eine führende Rolle einzunehmen. Dafür müssen Landwirte schnellen Zugang zu neuen Lösungen erhalten.“

Regulatorische Hürden für landwirtschaftliche Innovationen

Die Studie verdeutliche, dass europäische Landwirte Zugang zu einem breiteren Spektrum an Lösungen benötigen. Dazu zählen innovative Saatguttechnologien, moderne Pflanzenschutzmittel, Präzisionslandwirtschaft, Automatisierung und Künstliche Intelligenz (KI). Erst kürzlich hat Bayer eine bevorstehende Phase wichtiger Agrarinnovationen angekündigt, darunter innovative Lösungen für Saatgut und Pflanzeneigenschaften, einschließlich Genom-Editierung, sowie die Entwicklung neuer Wirkmechanismen im Pflanzenschutz mit Hilfe von KI. Die Verfügbarkeit solcher Innovationen hänge jedoch maßgeblich von den regulatorischen Rahmenbedingungen ab. 

Damit verbunden unterstreiche die Untersuchung wachsende Sorgen unter Landwirten. Viele sehen ihr Instrumentarium zum Schutz ihrer Erträge zunehmend eingeschränkt. Während Anfang der 2000er-Jahre in der EU mehr als 1.000 Pflanzenschutzwirkstoffe zugelassen waren, sind heute nur noch rund 420 genehmigt. In den vergangenen sieben Jahren haben Landwirte den Zugang zu 92 Wirkstoffen verloren. Im gleichen Zeitraum kam lediglich ein neuer synthetischer Pflanzenschutzwirkstoff auf den Markt. Das Vereinigte Königreich hat dagegen seit 2022 vier neue Wirkstoffe zugelassen, die in der EU bislang entweder noch nicht zugelassen sind oder sich weiterhin im Genehmigungsverfahren befinden. Gleichzeitig hält das Land die Zulassung von 15 Pflanzenschutzwirkstoffen aufrecht, deren Zulassung in der EU seit dem Brexit ausgelaufen ist oder widerrufen wurde. Die derzeit diskutierte Angleichung an den regulatorischen Rahmen der EU könnte jedoch dazu führen, dass diese Zulassungen künftig wegfallen. Erfolgt der Übergang ohne ausreichende Übergangsfristen, könnte dies Erträge und Einkommen landwirtschaftlicher Betriebe im Vereinigten Königreich belasten. 

Die Studie verweist auf die Notwendigkeit einer berechenbaren und angemessenen Regulatorik. Innovationen sollten gefördert werden, ohne Abstriche bei Sicherheit und verantwortungsvollem Einsatz zu machen. Als zentrale Hürden werden langwierige Zulassungsverfahren, steigende bürokratische Anforderungen und verzögerte Markteinführungen genannt. Dadurch wird der Zugang zu neuen Technologien in Europa erschwert. 

„Ein Zulassungsansatz, der stärker auf realen Risiken und dem Nutzen basiert statt auf theoretischen Gefahrenpotenzialen, kann Landwirten besseren Zugang zu Innovationen ermöglichen und gleichzeitig Europas hohe Sicherheitsstandards wahren. Jüngste Zulassungen im Vereinigten Königreich zeigen, dass dies möglich ist“, ergänzt Frank Terhorst. „Die Ergebnisse des Berichts unterstreichen den dringenden Bedarf an Innovationen. Bayer investiert erhebliche Mittel in die Entwicklung solcher Lösungen. Unser Ziel ist es, dass europäische Landwirte ebenso davon profitieren können wie ihre Wettbewerber in anderen Weltregionen.“

Verbraucher unterstützen Landwirtschaft, Wissenschaft und Innovationen

Die Verbraucherbefragung zeige ein ausgeprägtes Bewusstsein für die strategische Bedeutung der Landwirtschaft. Europaweit stimmen 84 % der Befragten der Aussage zu, dass Ernährungssicherheit eine Frage der nationalen Sicherheit sei. Verbraucher sehen die Widerstandsfähigkeit landwirtschaftlicher Betriebe, bezahlbare Lebensmittel und Ernährungssicherheit als eng miteinander verknüpfte Herausforderungen. Zugleich zeigen sich die Europäerinnen und Europäer grundsätzlich offen gegenüber Wissenschaft und Technologie. 84 % sind der Meinung, dass Landwirte Zugang zu den neuesten Technologien und Innovationen haben sollten, damit Innovationen schneller verfügbar, Erträge verbessert und Lebensmittelpreise gesenkt werden. Auch regulatorische Hürden werden wahrgenommen. 77 % seien überzeugt, dass der Abbau von Bürokratie dazu beitragen würde, Europas Lebensmittelversorgung langfristig zu sichern. 63 % geben an, dass sie eher eine politische Partei wählen würden, die den Einsatz neuer wissenschaftlicher und technologischer Entwicklungen in der Landwirtschaft unterstützt. 

„Die Menschen in Europa stehen Innovationen und Technologien deutlich offener gegenüber, als häufig angenommen wird. Sie erkennen den Zusammenhang zwischen einer widerstandsfähigen Landwirtschaft, Ernährungssicherheit und bezahlbaren Lebensmitteln“, fasst Matthias Berninger, Leiter Science, Sustainability & HSE bei Bayer, zusammen. „Die Ergebnisse sind ein klarer Auftrag an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, sich stärker für Wissenschaft und neue Technologien einzusetzen. Europa hat sich zu lange auf vermeintliche Probleme konzentriert, anstatt Chancen zu nutzen. Regulierung muss Sicherheit gewährleisten und Vertrauen schaffen. Sie sollte aber gleichzeitig Fortschritt ermöglichen, etwa in Bereichen wie Künstlicher Intelligenz und Landwirtschaft. Europa muss sich von einer Kultur der Risikovermeidung hin zu einer Kultur der Innovationsoffenheit entwickeln.“

Berninger zufolge verfüge Europa über beste Voraussetzungen: „Die Entscheidung für die Neuen Genomischen Techniken im Sommer 2026 hat gezeigt, dass sich Europa aktiv für Innovation entscheiden kann. Diese Dynamik müssen wir beibehalten. Wir haben hervorragende Landwirte, exzellente wissenschaftliche Expertise, fruchtbare Böden und starke industrielle Kompetenzen. Nun gilt es, diese Stärken in mehr Wettbewerbs- und Widerstandsfähigkeit umzusetzen.“