Ernteversicherung in Frankreich: Nachfrage lässt nach, Ziele in weiter Ferne
Die Nachfrage nach der reformierten Ernteversicherung in Frankreich hat zuletzt deutlich an Dynamik verloren. Zu diesem Schluss kommt der Wirtschaftsausschuss der französischen Nationalversammlung in einer Analyse zur Mehrfachrisikoversicherung gegen Wetterrisiken (MRC) und spricht darin gar von einem „Misserfolg“.
Wie aus der Analyse hervorgeht, entwickelte sich die Verbreitung der Ernteversicherung je nach Produktionszweig sehr unterschiedlich. In den großen Ackerkulturen und im Gemüseanbau stieg der Anteil der versicherten Flächen von 31,1 % im Jahr 2022 auf 35,7 % im Jahr 2023 und 36,6 % im Jahr 2024; für 2025 wird ein nahezu stagnierender Wert von 36,0 % erwartet. Im Weinbau kam es zunächst zu einem deutlichen Anstieg von 31,2 % (2022) auf 37,7 %, ging dann jedoch auf 36,8 % zurück und wird für 2025 auf 34,9 % geschätzt. Deutlich dynamischer entwickelte sich die Situation im Obstanbau, der vor der Reform kaum versichert war. Hier stieg der Anteil der versicherten Flächen von lediglich 1,5 % im Jahr 2022 auf 10,8 % (2023) und 14,4 % im Jahr 2024; dieser Wert habe sich 2025 mit erneut 14,9 % weiter leicht erhöht. Auch bei Grünland zeigt sich Wachstum, wenn auch bei niedrigerem Ausgangsniveau: Der Versicherungsgrad nahm von 0,5 % (2022) auf 9,0 % im Jahr 2023 und 9,1 % im Jahr 2024 zu, sank jedoch 2025 wieder auf 8,1 %. Insgesamt erhöhte sich der durchschnittliche Versicherungsgrad über alle Kulturen hinweg von 17,0 % im Jahr 2022 auf 23,4 % (2023) und 23,5 % im Jahr 2024. Für 2025 geht die Analyse erstmals wieder von einem Rückgang auf 22,8 % aus. Nach Einschätzung des Wirtschaftsausschusses seien die aktuellen Werte damit weiterhin "weit von den gesetzlichen Zielmarken entfernt", die bis 2030 eine Abdeckung von 60 % in Ackerbau, Gemüse und Weinbau sowie 30 % in Obstbau und Grünland vorsehen, und die derzeitige Dynamik scheint unzureichend, um diese Ziele bis 2030 zu erreichen, heißt es weiter.
Kritik an Parametern und Vorbehalte aus der Landwirtschaft
Als Gründe für die unzureichende Absicherung nennt der Ausschuss einerseits ein günstiges Klima in den Jahren 2023 und 2024, was das Gefühl eines tatsächlichen Risikos abgemildert habe, sowie ein finanziell schwieriges Umfeld für viele Landwirte, die aus Kosteneinsparungsgründen Versicherungsbeträge gesenkt hätten.
Der Ausschuss bewertet einige aktuell umgesetzte Aspekte als kritisch, darunter die als Referenz genutzten mehrjährigen Durchschnittswerte, was bei zunehmenden klimatischen Extremereignissen zu immer niedrigeren Entschädigungsansprüchen führe. Auch der Einsatz von Satellitendaten zur Schadensermittlung auf Grünland stoße auf erhebliche Vorbehalte. Viele Landwirte sähen eine mangelhafte Übereinstimmung zwischen den ermittelten Indizes und der tatsächlichen Situation auf den Betrieben, was das Vertrauen in das Instrument weiter untergrabe.
Steigende Prämien führen zu Unterversicherung und Jobwechsel
Wie sich diese Entwicklung konkret auf Betriebe auswirkt, schildert die Tageszeitung Le Monde am Beispiel von Winzern im Département Gers. Dort hätten einzelne Betriebe nach schweren Hagelschäden vollständig auf eine Ernte verzichten müssen – ohne Versicherungsschutz. Ein betroffener Winzer werde mit den Worten zitiert, die Versicherungen würden „seit der Reform nichts mehr erstatten“, was ihn gezwungen habe, sich außerhalb der Landwirtschaft Arbeit zu suchen.
Auch aus der Politik kommt deutliche Kritik. Der Abgeordnete David Taupiac aus dem Département Gers im südwestfranzösischen Okzitanien spricht auf LinkedIn von einem Ernteversicherungssystem, das angesichts des Klimawandels „an seine Grenzen“ stoße. Zwar sei die Reform erst 2023 in Kraft getreten, doch schon jetzt gehe die Beteiligung zurück. Am Beispiel seines Heimatdépartements Gers schilderte er einen deutlichen Rückgang der versicherten Flächen. Diese seien von über 83 % im Jahr 2020 auf weniger als 24 % im Jahr 2024 gesunken – mit weiter rückläufiger Tendenz.
Als zentrale Ursache nannte Taupiac die Berechnung der Referenzerträge. „Nach fünf aufeinanderfolgenden Jahren mit Wetterextremen wie Frost, Hagel, Dürre und Mehltau spiegelt die sogenannte ‚olympische Durchschnittsberechnung‘ (d.h. die vergangenen drei Jahre) nicht mehr die tatsächliche Produktionsfähigkeit wider und beraubt die Ernteversicherung ihres Sinns“, so der Abgeordnete. Die Folgen seien stark steigende Versicherungsprämien, unzureichende Entschädigungen und eine wachsende Zahl von Winzern, die auf einen Versicherungsschutz verzichteten. Doch "angesichts des Klimawandels ist Untätigkeit keine Option mehr. Es geht um das Überleben unserer Betriebe, um Arbeitsplätze in der Landwirtschaft und um die Zukunft unserer Regionen. Mehr als 50 % unserer Winzer sind oder werden in Kürze zahlungsunfähig sein", mahnte Taupiac.
Vorschläge des Wirtschaftsausschusses
„Die Reform der Ernteversicherung hat einige Fortschritte gebracht, aber zum jetzigen Zeitpunkt hat sie ihre Ziele einer massiven Verbreitung und finanziellen Absicherung der landwirtschaftlichen Betriebe noch nicht erreicht", heißt es auch in der Analyse des Wirtschaftsausschusses. Dieser empfiehlt, die Referenzzeiträume für die Ertragsberechnung auszuweiten, die Methoden zur Schadenserfassung zu überarbeiten sowie stärker zu beraten und aufzuklären. Auch sollten Versicherungen individuelle Präventionsmaßnahmen der Betriebe berücksichtigen, ohne dass diese verpflichtend oder mit anderen Landwirten abgestimmt sein müssten. Dazu gehöre u.a. Möglichkeiten zur Wasserspeicherung oder die Ausstattung mit Hagelschutznetzen.