Dänemark als Bio-Werkstatt
Mehrere Bio-Qualitäten und Preislagen innerhalb einer Kategorie statt einer einzigen Variante: Dieses Prinzip steht hinter einem Bio-Anteil, der in dänischen Regalen rund dreimal so hoch liegt wie in vergleichbaren Märkten.
Vermittelt werden solche Partnerschaften durch Organic Denmark, den Verband der dänischen Bioproduzenten und -exporteure. Und das Modell findet zunehmend international Beachtung. „Organic Denmark arbeitet auch mit Akteuren in den deutschsprachigen Märkten und in den Niederlanden zusammen, um Inspiration aus dem dänischen Biomarkt zu verbreiten“, sagt Dennis Hvam, International Market Director bei Organic Denmark. Dieser Prozess beginnt typischerweise mit der Bio-Strategie der einzelnen Handelskette.
Welche Resonanz das Modell findet, zeigte sich zuletzt bei einem Inspirationstag in Kopenhagen. Eine Delegation aus dem schwedischen Einzelhandel sowie dem Biosektor in Schweden und Dänemark, rund 35 Fachleute, besuchte vier dänische Filialen, darunter eine der Coop-Kette SuperBrugsen mit dem Skyr-Sortiment der Molkerei Thise. Beteiligt waren Vertreter von sieben ICA-Filialen aus Schonen, der südlichsten Region Schwedens nahe Kopenhagen.
Warum dänische Regale mehr Bio-Auswahl bieten
Für die Praktiker war vor allem die Sortimentstiefe aufschlussreich. „Für uns ist es sehr interessant zu sehen, wie dänische Filialen nicht nur eine Bio-Variante in jeder Produktkategorie führen, sondern Produkte in verschiedenen Qualitäten und Preislagen anbieten, sodass Bio-Kunden auch mehr Auswahl haben“, sagte Tobias Torhell, Leiter der Obst- und Gemüseabteilung bei ICA Kvantum Malmborgs Tuna. Ola Hollerup, der eine ICA-Kvantum-Filiale in Lund führt, verwies auf die Stagnation im eigenen Markt: „Wir brauchen definitiv ein breiteres Sortiment. Für uns war es interessant, von den Strategien und Kooperationen hinter der Entwicklung des Bio-Verkaufs in einem Land mit einem viel höheren Bio-Anteil als unserem eigenen zu hören.“
Ein Modell, das über alle Vertriebsschienen trägt
Worum es geht, lässt sich an den Zahlen ablesen. Der Bio-Anteil am gesamten dänischen Einzelhandelsmarkt erreichte 2024 11,6 %, weltweit nur von der Schweiz mit 12,3 % übertroffen. In einzelnen Kategorien ist der Abstand besonders deutlich. Im Einzelhandel liegt der Bio-Anteil bei 41 % bei Eiern, 38,9 % bei Gemüse und 38 % bei Milch. Zum Vergleich in der Kategorie Milch: Deutschland kommt auf 16,3 %, Österreich auf 29,1 %. Für den deutschen Markt, der nach Umsatz der zweitgrößte Bio-Markt der Welt ist, beschreibt diese Differenz weniger einen Rückstand als ein offenes Kategoriepotenzial.
Den Ausschlag gibt nach Einschätzung von Fachleuten die Vermittlerrolle des Verbands. Paul Holmbeck, der politische Führungskräfte, Unternehmen und NGOs weltweit zur Transformation von Märkten berät, ordnet das so ein: „Das einzigartigste Merkmal der Entwicklung des dänischen Biomarktes ist die katalytische Rolle von Organic Denmark beim Aufbau von Partnerschaften mit Einzelhändlern. Diese Katalysator-Rolle findet sich in sehr wenigen Nationen.“ Er sieht erhebliches Potenzial für Co-Branding zwischen starken Bio-Marken und Einzelhändlern.
Dass das Modell über unterschiedliche Vertriebsschienen hinweg trägt, zeigen zwei dänische Beispiele. In der Discount-Kette Rema 1000 können Kunden zwischen 25 bis 30 Produkten des Bio-Guts Gram Slot in den Bereichen Molkerei, Mehl und Tiefkühlkartoffelprodukte wählen. Das Bio-Gut Tjele Gods wiederum kooperiert mit den Ketten Bilka, Føtex und Netto der Salling Group bei Milch, Butter, Wurzelgemüse sowie Getreide- und Brotprodukten.
Was die Zahlen für den deutschen Handel bedeuten
In der Praxis beschreibt Dennis Hvam die Zusammenarbeit mit Handelsketten so: „Basierend auf unserer starken Erfahrung im Aufbau von Partnerschaften zwischen Marken und Handelsketten in Dänemark können wir dabei helfen, die Bio-Strategien der Ketten in Kategorieentwicklung zu übersetzen und konkrete Produktchancen zu identifizieren.“ Teil eines gut funktionierenden Bio-Ökosystems sei es zudem, neue Produkte anschließend wirksam zu unterstützen, indem zentrale Bio-Werte direkt an die Käufer im Geschäft kommuniziert werden.