von Ralf Petrov 2 Min Lesezeit X Facebook LinkedIn

Bulgarien: Mangel an Genossenschaften schränkt Absatzmöglichkeiten ein

Die nationalen und internationalen Handelsketten bringen für bulgarische Erzeuger spürbare Vorteile – insbesondere eine optimierte Betriebsorganisation und einen effektiveren Vertrieb an einen größeren Kreis von Verbrauchern. 

Stand auf Wochenmarkt in Bulgarien
© Petrov

Rositsa Telkedzhiyska, Chefin des wohl bekanntesten bulgarischen Bio-Bauernhofs Moravsko Selo, wies im Interview mit der Agentur Mediapool kürzlich darauf hin, dass lokale Landwirte dank der Zusammenarbeit mit einigen Handelsketten die Gewissheit haben, ihre Ernte auch absetzen zu können – die im Voraus vereinbarten Mengen würden vom Handel mit Sicherheit abgenommen und relativierten dadurch das Risiko für den Farmer, so Telkedzhiyska. Moravsko Selo bewirtschaftet aktuell über 72 ha in der südbulgarischen Region Sandanski an der Grenze zu Griechenland. Es handelt sich dabei vorwiegend um Karotten, Kartoffeln, Tomaten, Gurken und Paprika. Darüber hinaus setzt das Team auf biologischen Anbau mit sauberen Böden ohne chemische Pflanzenschutzmittel. Seit über 15 Jahren arbeitet die Farm mit Handelsketten zusammen, der Grundstein wurde 2013 mit Carrefour gelegt, die mittlerweile nicht mehr auf dem bulgarischen Markt präsent sind. Die meisten Handelsketten, mit denen Moravsko Selo kooperiert, haben ihre Muttergesellschaften außerhalb Bulgariens und deren Supermärkte bieten gleichzeitig viele Importwaren an, die sie ihren Kunden zu sehr günstigen Preisen anbieten. Diese wirken sich aber nicht selten negativ auf die Verkäufe bulgarischer Produkte aus, die aufgrund ihrer geringeren Mengen keine vergleichbaren Preise erreichen können. In der Regel beruhen die niedrige Preise für ausländisches Obst und Gemüse auf den größeren Mengen, welche die in Genossenschaften zusammengeschlossenen Landwirte aus den jeweiligen Ländern anbieten können. „Die bulgarischen Landwirte sind aber für derartige Zusammenschlüsse wohl noch nicht reif. Dabei sind sie eine ernste Marktmacht, die durchaus bessere Konditionen aushandeln könnte“, so Rositsa Telkedzhiyska. 

Das Problem des akuten Mangels an Genossenschaften wird auch in einer Branchenanalyse der bulgarischen Wettbewerbsschutzkommission für den Lebensmittelsektor hervorgehoben. Laut der jüngsten Zählung im Jahr 2020 existieren im Balkanland derzeit rund 133.000 landwirtschaftlichen Betriebe. Etwa 30 Prozent davon werden als sehr klein eingestuft, ihre Fläche liegt unterhalb 0,1 ha. Weitere 34,4 % verfügen zwar über mehr Anbaufläche, gelten aber ebenfalls noch als zu klein. Somit sind ganze 64,4 % der bulgarischen Betriebe nicht in der Lage, außerhalb genossenschaftlicher Strukturen für großen Supermärkte zu wirtschaften.