Baden-Württemberg: Gutes Erntejahr, steigende Umsätze – aber hoher Kostendruck bedroht Betriebe
Die genossenschaftliche Obst- und Gemüsewirtschaft in Baden-Württemberg blickt auf ein solides Ernte- und Vermarktungsjahr 2025 zurück – und steht dennoch vor erheblichen wirtschaftlichen und strukturellen Herausforderungen.
„Es ist eine paradoxe Situation: Die Betriebe können in einem witterungsbedingt insgesamt erfreulichen Jahr ihre Vermarktungsmengen und im Zuge dessen ihre Umsätze steigern und geraten trotzdem immer mehr in eine wirtschaftlich herausfordernde Lage. Die Preise, die am Markt erzielt werden können, stagnieren, während die Kosten – nicht zuletzt auch aufgrund der geopolitischen Unsicherheiten – stark steigen. Das ist toxisch“, betonte Dr. Ulrich Theileis, Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands (BWGV) während der Jahrespressekonferenz in Karlsruhe. Er machte deutlich: „Die Erzeugerinnen und Erzeuger stemmen sich mit enormem Einsatz gegen die Herausforderungen. Doch sie brauchen Unterstützung: Die Politik muss die Situation endlich anerkennen und für spürbare Entlastung sorgen. Gleichzeitig kann auch der Verbraucher seinen Teil beitragen, indem er im Supermarkt noch mehr zu Produkten aus Baden-Württemberg greift.“ Als wichtiger Partner der deutschen Landwirtschaft trage auch der Handel Verantwortung. „Regionale Produkte müssen sichtbar sein. Ausreichende Regalflächen sind dafür ebenso entscheidend wie die klare Zusage aus dem Strategiedialog Landwirtschaft, heimische Produkte stärker zu listen und gezielt zu bewerben“, so Theileis.
Bedrohliche Kostenstruktur, ungleicher Wettbewerb
Neben den wachsenden Ausgaben für Betriebsmittel und Energie seien es vor allem die Lohnkosten und der kontinuierlich ansteigende Mindestlohn, der den Erzeugerinnen und Erzeugern zusetze. Dr. Theileis verwies darauf, dass 2027 der Mindestlohn auf dann 14,60 Euro pro Stunde klettern wird: „Baden-Württemberg ist geprägt vom handarbeitsintensiven Sonderkulturbereich. Dort ist der Mindestlohn ein wesentlicher zusätzlicher Kostentreiber.“ Ein weiterer bedeutender Kostenfaktor seien die Energiepreise: „Die Erzeugerbetriebe und die Genossenschaften trifft die im Zuge des Irankriegs steigenden Energiepreise hart. Die Senkung der Energiesteuer ist daher ein erster wichtiger Schritt, gerade für Transport und Maschineneinsätze auf dem Feld“, sagte Theileis und stellte heraus: „Fakt ist aber, es braucht mehr als solche kurzfristigen Maßnahmen. Es braucht ein auf dauerhafte Entlastung ausgerichtetes Gesamtkonzept. Nur so können unsere Betriebe langfristig wettbewerbsfähig sein.“ Letztendlich müsse der Kostendruck in Gänze bewertet werden, inklusive der starken Belastung durch Bürokratie und Berichtspflichten. Dies gelte umso mehr, als ungleiche Wettbewerbsbedingungen innerhalb des EU-Binnenmarkts auch die baden-württembergische Gemüsewirtschaft vor große Herausforderungen stellen. „Der Anteil importierter Ware nimmt weiter zu – Produkte aus dem Ausland, die unter deutlich günstigeren Rahmenbedingungen erzeugt werden, drängen zunehmend in den deutschen Markt“, betonte Johannes Bliestle, Geschäftsführer der Reichenau-Gemüse eG. Dies führe zu einem erheblichen wirtschaftlichen Druck auf die heimischen Erzeugerinnen und Erzeuger. „Die deutlich gestiegenen Produktionskosten – insbesondere bei Energie, Betriebsmitteln und Löhnen – können am Markt, wenn überhaupt, nur sehr begrenzt über höhere Preise weitergegeben werden“, so Bliestle.
293.500 t Obst und 117.500 t Gemüse vermarktet
Dass die genossenschaftliche Obst- und Gemüsewirtschaft in Baden-Württemberg trotz aller Herausforderungen leistungsfähig ist, zeigte ein Blick auf die Zahlen des Jahres 2025: Insgesamt rund 411.000 t Obst und Gemüse haben die genossenschaftlichen Erzeugermärkte inklusive ihrer Vertriebsgesellschaften im vergangenen Jahr vermarktet, ein Plus von knapp 15 % gegenüber dem Vorjahr. Im Zuge der größeren Menge entwickelte sich auch der Gesamtumsatz positiv und wuchs um 9 % auf rund 525 Mio Euro. „Es war ein gutes Jahr ohne größere Ernteeinbußen durch Frost oder Unwetter“, resümierte Dr. Ulrich Theileis. Die genossenschaftliche Vermarktungsmenge beim Obst stieg um 42.700 t oder 17 % auf 293.500 t. Dies ist vor allem den Äpfeln geschuldet: 36.500 t mehr wurden laut Jürgen Nüssle, Vorstand Württembergische Obstgenossenschaft Raiffeisen eG (WOG), von den baden-württembergischen Genossenschaften vermarktet, insgesamt 218.000 t. Der Gesamtumsatz Obst erhöhte sich demnach um 44 Mio Euro (19 %) auf 272 Mio Euro. Das Fazit für das Vermarktungsjahr 2025 bei den Äpfeln fällt jedoch zweigeteilt aus – einem guten ersten Halbjahr folgte eine sehr herausfordernde zweite Jahreshälfte. Die Vermarktungssituation im ersten Halbjahr war noch geprägt von der kleineren Ernte in Norddeutschland und dem fast kompletten Ernteausfall in Ostdeutschland. Dies führte dazu, dass Äpfel aus Baden-Württemberg in einem mit deutscher Ware unterversorgten Markt bundesweit gut nachgefragt waren. Die baden-württembergische Apfelbranche befürchtet im weiteren Verlauf des Jahres strukturell viel zu niedrige Preise bei den Standardsorten. Preise, die weit unterhalb der Gestehungskosten liegen und manchen Betrieb zur Aufgabe bewegen werde, so die Befürchtung.