Rewe Group: „Nicht weniger, sondern zweckmäßiger“
Zwischen Kunststoffreduktion, Produktschutz und Wirtschaftlichkeit: Wie verändert sich die Verpackung im Obst- und Gemüsebereich aus Sicht des Handels? Die Rewe Group ordnet aktuelle Entwicklungen ein, bewertet Ansätze wie faserbasierte Lösungen, Monomaterialien und Laserkennzeichnung – und zeigt, warum sich Fortschritt nur im Zusammenspiel von Nachhaltigkeit, Logistik und Konsumentenverhalten durchsetzt.
Wo steht die Verpackung im Obst- und Gemüsebereich aktuell – eher am Anfang eines Umbruchs oder bereits mitten in der Transformation?
In den vergangenen Jahren haben regulatorische Impulse, technologische Innovationen und veränderte Kundenerwartungen erhebliche Dynamik erzeugt. Der Wandel ist klar spürbar: Der Einsatz von Kunststoff wird reduziert, alternative Materialien werden getestet und der Anteil unverpackter Ware steigt – wo es produktspezifisch sinnvoll ist. Gleichzeitig wächst die Erkenntnis, dass nicht jede Verpackung pauschal verzichtbar ist. Der Trend geht deshalb weg vom „weniger um jeden Preis“ hin zu „besser und zweckmäßiger“.
Welche Verpackungslösungen werden derzeit als besonders vielversprechend diskutiert – und welche davon halten Sie tatsächlich für marktfähig?
Besonders vielversprechend sehen wir derzeit drei Entwicklungsrichtungen:
Faserbasierte Verpackungen:Schalen aus Karton oder Zellstoff sind heute bereits marktfähig. Wir setzen sie bereits breit ein – etwa bei Beeren oder Tomaten. Sie reduzieren Kunststoff, die Recyclingfähigkeit kann aber durch Beschichtungen eingeschränkt sein.
Monomaterial-Kunststoffe:Wo Kunststoff aus Gründen des Produktschutzes zwingend notwendig bleibt, setzen wir zunehmend auf sortenreine Materialien. Sie verbessern die Recyclingfähigkeit erheblich und lassen sich in bestehenden Prozessen gut integrieren.
Innovative Technologien:Für bestimmte Produkte – etwa Kürbisse oder Süßkartoffeln – bietet das direkte Aufbringen von Informationen (z.B. durch Laser) eine Verpackungsalternative ohne Abfall. Diese Technologie ist jedoch nur für einzelne Warengruppen geeignet.
Biobasierte oder kompostierbare Kunststoffe werden zwar häufig diskutiert, haben aber aufgrund ihrer Entsorgungswege und mangelnder Infrastrukturen aktuell nur sehr begrenzte Marktrelevanz.
Wo sehen Sie aktuell die größten Zielkonflikte zwischen Nachhaltigkeit, Produktschutz, Kosten und Logistik?
Viele Zielkonflikte entstehen aus der notwendigen Balance zwischen Produktschutz und Ressourceneffizienz. Eine zu stark reduzierte Verpackung kann zu höherem Food Waste führen – insbesondere bei empfindlichen Produkten wie Beeren, Kräutern oder geschnittenem Salat. Zudem stehen logistische Anforderungen einer vollständigen Materialumstellung teils entgegen: Nicht alle alternativen Materialien sind ausreichend stabil, transportfähig oder feuchtigkeitsresistent. Auch Preis und Verfügbarkeit spielen eine Rolle: Faserbasierte Verpackungen können nachhaltiger sein, sind aber häufig teurer und in Spitzenzeiten nicht immer ausreichend verfügbar.
Gibt es Entwicklungen oder Materialien, die Ihrer Einschätzung nach überschätzt werden?
Kompostierbare oder biologisch abbaubare Kunststoffe werden oft als besonders umweltfreundlich wahrgenommen, erfüllen diese Erwartung aber in der Praxis selten. Sie benötigen spezielle Kompostieranlagen, werden im deutschen Entsorgungssystem nicht getrennt gesammelt und landen meist in der thermischen Verwertung. Die tatsächlichen ökologischen Vorteile sind daher begrenzt. Auch manche High Tech-Lösungen wie beschichtete „Wunderfolien“ zur verlängerten Haltbarkeit haben sich im Alltag häufig nicht bewährt – entweder aus regulatorischen Gründen, wegen fehlender Akzeptanz oder aufgrund von Kostenthemen.
Wie wird sich die Verpackung im Frischebereich in den nächsten fünf bis zehn Jahren konkret verändern – worauf kommt es besonders an?
Wir erwarten eine weitere deutliche Reduktion von Kunststoffen und einen konsequenten Ausbau recyclingfähiger Monomaterialien sowie faserbasierter Lösungen. Gleichzeitig werden digitale Kennzeichnungssysteme an Bedeutung gewinnen – etwa aufgedruckte Codes, die Logistik- und Sortierprozesse erleichtern. Wesentlich wird sein, dass Verpackungen künftig noch stärker Wertstoffkreisläufe schließen, Food Waste vermeiden und logistisch robust bleiben.
Welche Rolle spielt der Konsument aus Ihrer Sicht – Treiber oder eher limitierender Faktor?
Zwar ist der Wunsch nach weniger Verpackung – insbesondere nach weniger Kunststoff – grundsätzlich vorhanden, für viele Kundinnen und Kunden stehen jedoch vor allem Preis, Verfügbarkeit und Qualität des Produkts deutlich im Vordergrund. Diese Preisfokussierung kann die Umsetzung nachhaltigerer Verpackungslösungen erschweren, schließt sie aber nicht grundsätzlich aus. Fortschritte entstehen dort, wo Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit und Kundenbedürfnisse gemeinsam gedacht werden – und nicht isoliert voneinander.