In einem Punkt waren sich alle vier Panelteilnehmer einig: „Nachhaltigkeit ist kein Schlagwort mehr, sondern Realität“, sagte Dorra Zairi, Expertin für Sourcing & Markets beim Import Promotion Desk. Besonders die Landwirtschaft spüre die harten Folgen der Übernutzung unseres Planeten, erklärte Simon Derrick, Head of Sustainability bei Blue Skies Holdings und Mitbegründer der Initiative Fairmiles: „Der Klimawandel ist da, und er bestimmt bereits, wie und wo Lebensmittel produziert werden können.“ Die Biodiversität gehe zurück, und die Erschöpfung der Ressourcen schreite voran. Hinzu komme noch etwas anderes: „Jahrzehntelang ist die Armut weltweit zurückgegangen, doch jetzt steigt sie wieder. Das zeigt, dass Nachhaltigkeit, wie wir sie bisher angegangen sind, nicht für alle Menschen funktioniert.“
Kein Luftfrachttransport mehr für ICA in Schweden
Genau diese Frage stand im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion im Logistics Hub der FRUIT LOGISTICA 2026 mit dem Titel: „Stolpersteine – Wie kann der Fruchthandel nachhaltige Lieferketten etablieren und gleichzeitig Lebensgrundlagen schützen?“ ICA Sverige, Schwedens größte Einzelhandelskette, hat vor einigen Jahren beschlossen, keine Luftfracht mehr zu nutzen. Schwedische Verbraucher legen großen Wert auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz, erklärte ICA-Geschäftsbereichsleiterin Maria Wieloch, und Luftfracht trage erheblich zu Emissionen bei. Für die ICA-Kette bedeutete dies, dass einige frische Produkte mit kurzer Haltbarkeit nicht mehr angeboten werden konnten. Das Unternehmen wog die Optionen ab und stellte seine Nachhaltigkeitsziele über bestimmte Produkte im Sortiment. Doch die Frage bleibt: „Das mag fair für den Planeten sein – aber ist es auch fair für die Menschen?“
Warum ärmere Regionen auf Luftfracht angewiesen sind
Nein, sagt Jeremy Knops, Délégué Général bei COLEAD, einem Netzwerk für nachhaltige und inklusive Landwirtschaft und Partnerorganisation von Fairmiles. Das Problem sei, dass solche Nachhaltigkeitsinitiativen industrialisierter Länder Produzenten in ärmeren Ländern und Regionen oft ihrer Lebensgrundlage berauben. Diese Menschen litten bereits am stärksten unter den Folgen des Klimawandels – obwohl sie am wenigsten zur globalen Umweltverschmutzung beitragen. Würden diese Produzenten von Lieferketten abgeschnitten, verlören sie Einkommen für Lebensmittel, Gesundheitsversorgung und die Ausbildung ihrer Kinder. Dies müsse gegen die tatsächlichen Klimaauswirkungen des Transports von frischem Obst per Flugzeug abgewogen werden. „Ja, der Flugverkehr wächst – aber der Transport von Frischobst ist dabei nicht der treibende Faktor“, betonte Knops.
Die Landwirte, die Dorra Zairi und ihre Kolleginnen und Kollegen vom Import Promotion Desk (IPD) beraten – vor allem in Afrika und Lateinamerika –, stellen Entscheidungsträger in Industrieländern häufig vor Herausforderungen. Wenn etwa frische Kräuter in Kenia angebaut werden, bleibt als Transportweg nur das Flugzeug, erklärte Zairi. Das IPD mit Sitz in Berlin und Bonn ist eine kostenlose Vermittlungsagentur, die Einzelhändler und Unternehmen in Europa mit zertifizierten Produzenten und Lieferanten aus dem Globalen Süden zusammenbringt, die Transparenz- und Nachhaltigkeitsanforderungen erfüllen.
Fairness für alle
„Wir brauchen mehr Forschung, um die Folgen unserer Nachhaltigkeitsentscheidungen besser zu verstehen“, warnte Simon Derrick. „Wir müssen sicherstellen, dass Maßnahmen im Namen der Nachhaltigkeit nicht unverhältnismäßig und ungerecht die verwundbarsten Menschen oder Gemeinschaften treffen.“ Fairmiles und COLEAD haben daher fünf Prinzipien für einen „gerechten Übergang“ entwickelt, um zu gewährleisten, dass ökologische Nachhaltigkeit nicht die Lebensgrundlagen von Familien zerstört: unternehmerische Grundlagen, Auswirkungen auf Menschen, Verhältnismäßigkeit, verantwortungsvolle Datenerhebung und Fairness im Wandel.