von Inga Detleffsen 4 Min Lesezeit X Facebook LinkedIn

Les Fermes Debout: Das Agrarmodell mit Zukunftspotenzial?

Für das diesjährige Frankreich-Special hat Thibaut Millet, CEO von Les Fermes Debout, seine Vision des Produktionsmodells vorgestellt, für das er 2025 sogar den "Visionärspreis" der französischen Tageszeitung "L'Opinion" erhielt. 

Les Fermes Debout verbinden Bio-Anbau mit Hi-Tech
Bei Les Fermes Debout sind Bio-Anbau, relevante Mengen und Hi-Tech kein Widerspruch.
© Les Fermes Debout

Acht Jahre Forschung sowie drei Pilotfarmen in Frankreich hätten bewiesen, dass sich mehrere Ziele miteinander verbinden ließen: ein lokaler Bio-Anbau in relevanten Mengen, eine hohe Resilienz gegenüber klimatischen und wirtschaftlichen Schwankungen, verbesserte Arbeitsbedingungen im Gemüsebau sowie eine wirtschaftlich tragfähige Produktion bei zugleich erschwinglichen Preisen, erklärte Millet dazu. Inwiefern das Konzept ein Gegenentwurf zur aktuellen Landwirtschaft darstellt, lesen Sie im Frankreich Special, das Sie hier kostenlos als E-Paper aufrufen können.

Im folgenden zweiten Teil des Interviews mit Thibaut Millet lesen Sie von den nächsten Schritten, von wirtschaftlichen Stellschrauben, offenen Herausforderungen und der Frage, ob das Konzept auch in Deutschland funktionieren könnte. 

Betrachten wir zunächst das Wirtschaftliche: Nach Angaben von Millet ist die Größe der einzelnen Betriebe bewusst im mittleren Bereich gehalten, die einzelnen Höfe umfassen rund 20 bis 30 ha. Diese Größenordnung ermögliche es, eine Produktivität zu erreichen, „die den Erwartungen des Marktes entspricht“, ohne auf vielfältige und widerstandsfähige Anbausysteme verzichten zu müssen.

Wirtschaftlich tragfähig werde das Konzept durch mehrere Faktoren: eine deutlich reduzierte Abhängigkeit von Betriebsmitteln, was das System weniger anfällig für Preisschwankungen mache, eine klar strukturierte Arbeitsorganisation sowie eine bewusste Streuung der Absatzwege. Gleichzeitig benennt Millet die aktuellen Herausforderungen offen: „Heute geht es vor allem darum, den Betrieb weiter hochzufahren, unsere technischen Lösungen kontrolliert weiterzuentwickeln und geeignete Flächen in Regionen mit hohem Nutzungsdruck zu sichern.“

Technik als Hilfsmittel – nicht als Ersatz

Gerade beim Einsatz von Technik stoße das Modell immer wieder auf Missverständnisse. Der Begriff „Roboter“ werde häufig mit dem Abbau von Arbeitsplätzen gleichgesetzt. „Bei uns ist es genau umgekehrt“, stellt Millet klar. Die Technik sei als Unterstützung gedacht, um körperlich belastende Arbeiten zu reduzieren, die Arbeitsabläufe zu stabilisieren und die Gesundheit der Beschäftigten zu schützen. „Unser Roboter trägt zur Schaffung nachhaltiger Arbeitsplätze bei.“

Zum Einsatz kommen eigens entwickelte, robuste und energiearme Systeme, die gezielt repetitive und körperlich anstrengende Tätigkeiten übernehmen, etwa bei Aussaat, Pflanzung oder mechanischer Unkrautbekämpfung. Ergänzt wird dies durch eine digitale Anbauplanung. „Wir konzentrieren unsere Entwicklung auf die härtesten und undankbarsten Arbeiten“, erklärt Millet. Tätigkeiten wie die Ernte, die Erfahrung, Auge und Fingerspitzengefühl erfordern, bleiben bewusst Aufgabe der Gärtner, betont er.

Diese Arbeitsweise habe auch strukturelle Effekte: Pro Betrieb entstünden im Schnitt rund 30 dauerhafte Arbeitsplätze, unter Bedingungen, die eine langfristige Ausübung des Berufs ermöglichen.

Bio-Produktion in relevanten Mengen

Ein weiterer Punkt, der häufig infrage gestellt werde, sei die Skalierbarkeit des Bio-Anbaus. Für Millet liegt genau hier der Kern der bisherigen Arbeit. „Unser Ziel war es, mit agronomischen und wirtschaftlichen Ergebnissen zu zeigen, dass ein vielfältiges System gleichzeitig leistungsfähig, ernährungswirksam und übertragbar sein kann“, sagt er.

Acht Jahre angewandte Forschung sowie mehrere Pilotbetriebe hätten gezeigt, dass regionale Bio-Produktion auch in relevanten Mengen möglich sei – und dabei widerstandsfähig gegenüber klimatischen und wirtschaftlichen Schwankungen bleibe. Entscheidend sei nicht eine einzelne Maßnahme, sondern das Zusammenspiel aller Elemente.

Geschützter Anbau bei Les Fermes Debout
Für seine Idee hat CEO Thibaut Millet 2025 den "Visionärspreis" der Tageszeitung "L'Opinion" gewonnen.
© Les Fermes Debout

Aufklärung als Teil des Konzepts

Neben dem operativen Ausbau sieht Millet einen weiteren zentralen Punkt: das fehlende Verständnis für die Realität des Gemüseanbaus. Dieses betreffe sowohl Verbraucher als auch Teile der nachgelagerten Wertschöpfungskette. „Aufklärungsarbeit ist daher ein fester Bestandteil unseres Ansatzes“, betont er. Dabei gehe es nicht nur um Produktionsmethoden, sondern auch um  den Einblick in Arbeitsbedingungen, Risiken und wirtschaftliche Rahmenbedingungen – als Voraussetzung dafür, neue Modelle nachvollziehbar zu machen und Akzeptanz zu schaffen.

Umsetzung in Deutschland realistisch?

Grundsätzlich sei das Konzept nicht auf Frankreich beschränkt. „Das Modell ist so angelegt, dass es sich an unterschiedliche Standort- und Marktbedingungen anpassen lässt“, erklärt Millet. Eine Umsetzung in Deutschland hält er für realistisch, sofern agronomische Anpassungen vorgenommen würden, die Logistik stimme und vor allem eine starke regionale Verankerung gewährleistet sei. Themen wie Ernährungssouveränität, die Rückverlagerung des Bio-Anbaus und der Schutz der Böden seien in Deutschland ebenso relevant.

Blick in die Zukunft

Für die kommenden drei bis fünf Jahre formuliert Millet ein klares Ziel: Ein Netzwerk von mehr als 20 Betrieben solle zeigen, dass sich das Modell zuverlässig vervielfältigen lässt. Die neue Farm in Lisses bei Paris spiele dabei eine Schlüsselrolle – als Referenz für Anbau und Organisation. Erfolg bedeute für ihn, „wirtschaftliche Stabilität, messbaren ökologischen Nutzen und eine dauerhaft attraktive Perspektive für den Beruf des Gemüsebauern miteinander zu verbinden“.

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Blick zurück: Im Frankreich Special finden Sie den ersten Teil des interessanten Interviews mit Thibaut Millet, das Sie hier in unserem kostenlos verfügbaren E-Paper nachlesen können.

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