von Daniel Schmidt 4 Min Lesezeit X Facebook LinkedIn

ILIP: Was Frischeverpackungen künftig leisten müssen

Roberto Zanichelli, Business Development & Marketing Director bei ILIP, erläutert, welche Materialinnovationen derzeit im Fokus stehen, wo nachhaltigere Lösungen noch an funktionale Grenzen stoßen – und warum sich am Markt vor allem skalierbare Konzepte durchsetzen werden, die Nachhaltigkeit, Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit miteinander verbinden.

Roberto Zanichelli, Business Development & Marketing Director bei ILIP
Roberto Zanichelli, Business Development & Marketing Director bei ILIP
© Fruchthandel Magazin

Welche konkreten Materialinnovationen verfolgen Sie derzeit im Bereich Frischeverpackungen – und wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen in der praktischen Anwendung?
Innovationen bei Verpackungen für frisches Obst und Gemüse entwickeln sich derzeit entlang zweier Hauptlinien: Zum einen der Einsatz nachhaltiger und zirkulärer Materialien, etwa R-PET mit hohem Recyclinganteil sowie geschlossene Kreislaufmodelle wie das Tray-to-Tray-System (T2T). Zum anderen die Weiterentwicklung von Technologien und Design, mit Fokus auf Eco-Design und Materialreduktion. Parallel dazu vollzieht sich ein schrittweiser Übergang zu alternativen Materialien wie Papier, Zellulose und Biokunststoffen, um unterschiedlichen Anwendungsanforderungen gerecht zu werden. Die zentrale Herausforderung bleibt jedoch, ein praktikables Gleichgewicht zwischen Nachhaltigkeit und Leistungsfähigkeit zu finden. Eine geringere Umweltbelastung bedeutet oft leichtere Strukturen und den Einsatz von Sekundärrohstoffen – ohne dabei Stabilität, Festigkeit und Haltbarkeit zu beeinträchtigen. Hinzu kommen Aspekte wie die Kompatibilität mit automatisierten Verpackungslinien, die Qualität und Rückverfolgbarkeit von Rezyklaten sowie die wirtschaftliche Skalierbarkeit dieser Lösungen.

Wo stoßen nachhaltigere Verpackungslösungen aktuell noch an funktionale Grenzen – etwa beim Produktschutz, der Haltbarkeit oder in der Logistik?
Zunächst muss die Einschätzung mithilfe analytischer Instrumente wie extern zertifizierter Lebenszyklusanalysen (LCA) möglichst objektiv bestimmt werden, was überhaupt als nachhaltigere Lösung gelten kann – stets in Bezug auf Produkt und Anwendung.
Aktuell stoßen als nachhaltiger geltende Alternativen zu herkömmlichen Kunststoffen insbesondere bei technisch anspruchsvollen Anwendungen an Grenzen. So kann eine Materialreduktion oder der Einsatz alternativer Materialien die Schutzfunktion beeinträchtigen, etwa beim Transport und Handling. Auch die Haltbarkeit bleibt eine Herausforderung, da nicht alle Materialien die gleichen Barriereeigenschaften und Konservierungsleistungen wie klassische Kunststoffe bieten. Aus logistischer Sicht gelten zudem Faktoren wie Stabilität, Stapelbarkeit und Feuchtigkeitsresistenz weiterhin als kritisch, insbesondere bei papier- oder faserbasierten Lösungen. Entscheidend bleibt somit die Balance zwischen tatsächlicher Nachhaltigkeit und Funktionalität: Verpackungen müssen ihre Hauptaufgabe – den Produktschutz und die Vermeidung von Food Waste – weiterhin zuverlässig erfüllen und zugleich wirtschaftlich tragfähig sein.

Welche konkreten Anforderungen kommen derzeit aus dem Handel – und wie unterscheiden sich diese von den Diskussionen auf regulatorischer Ebene?
Der Handel formuliert sehr konkrete und stark praxisorientierte Anforderungen. Gefragt sind Lösungen, die vollständig mit bestehenden Verpackungslinien kompatibel sind, eine hohe Leistung beim Produktschutz und der Haltbarkeit gewährleisten und gleichzeitig durch Kommunikation und Branding zur Differenzierung am PoS beitragen – bei einem ausgewogenen Kosten-Nutzen-Verhältnis. Zudem wächst das Interesse an maßgeschneiderten Konzepten und integrierten Ansätzen entlang der gesamten Lieferkette. Auf regulatorischer Ebene hingegen liegt der Fokus stärker auf strukturellen und langfristigen Zielen. Im Mittelpunkt stehen der Einsatz von Rezyklaten, die Recyclingfähigkeit, Monomateriallösungen sowie die Einhaltung der europäischen Verpackungsverordnung. Während der Handel also vor allem auf Performance, Effizienz und unmittelbare Umsetzbarkeit setzt, definiert die Gesetzgebung den Rahmen für den Übergang zu nachhaltigeren und zirkulären Modellen. Bedenklich ist, dass die europäische Regulierung teilweise Einschränkungen für Verpackungslösungen vorsieht, ohne dass dafür umfassende Folgenabschätzungen vorliegen.

Welche Rolle spielt Verpackung heute über ihre Schutzfunktion hinaus – etwa in der Konsumentenkommunikation, Differenzierung am PoS oder beim Thema Convenience?
Verpackung hat heute eine deutlich erweiterte Funktion und entwickelt sich zunehmend zu einem strategischen Kommunikationsinstrument. Einerseits dient sie als direkter Kanal zum Verbraucher, etwa durch individualisierbare Flächen oder digitale Elemente wie QR-Codes, die zusätzliche Informationen und Rückverfolgbarkeit ermöglichen. Andererseits spielt sie eine wichtige Rolle bei der Differenzierung am PoS, indem sie Produkte aufwertet und die Markenidentität stärkt. Gleichzeitig gewinnt die Benutzerfreundlichkeit an Bedeutung – sowohl in der Handhabung als auch im Hinblick auf das Lebensende der Verpackung. Insgesamt wird Verpackung zunehmend zu einer Schnittstelle zwischen Marke, Handel und Konsument, die Nachhaltigkeit, Funktionalität und Kommunikation miteinander verbindet.

Mit Blick auf die nächsten drei bis fünf Jahre: Welche Entwicklungen im Verpackungsbereich halten Sie für wirklich marktrelevant – und welche werden Ihrer Einschätzung nach überschätzt?
Besonders relevant sind Entwicklungen, die Nachhaltigkeit, technische Leistungsfähigkeit und industrielle Umsetzbarkeit miteinander verbinden. Dazu zählen vor allem geschlossene Kreislaufmodelle mit hochwertigen Rezyklaten wie R-PET sowie Fortschritte im Eco-Design, die weitere Materialeinsparungen ermöglichen, ohne die Performance zu beeinträchtigen. Zudem dürften Monomateriallösungen – insbesondere für Anwendungen mit hohen Barriereanforderungen – sowie die zunehmende Digitalisierung der Verpackung an Bedeutung gewinnen, etwa zur Verbesserung von Rückverfolgbarkeit und Verbraucherinteraktion. Überschätzt werden hingegen Ansätze, die bislang kein ausreichendes Gleichgewicht zwischen Nachhaltigkeit und Funktionalität erreichen, etwa noch nicht industriell ausgereifte Materialien oder Lösungen, die sich schwer in bestehende Produktionsprozesse integrieren lassen. Langfristig dürfte sich der Markt auf skalierbare, praxisnahe Lösungen konzentrieren, die ökologische, technische und wirtschaftliche Anforderungen gleichermaßen erfüllen.

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