von Daniel Schmidt 4 Min Lesezeit X Facebook LinkedIn

Fraunhofer IVV: Frischeverpackung im Wandel der Regulierung

Wie weit ist die Transformation bei Verpackungen im Frischebereich wirklich – und welche Lösungen haben das Potenzial, sich durchzusetzen? Dr. Phil Rosenow vom Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung IVV ordnet aktuelle Entwicklungen rund um die Single-Use Plastics Directive (SUPD) und Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) ein und zeigt, wo Innovationen wie EMAP oder Beschichtungen echte Fortschritte versprechen – und wo Zielkonflikte bleiben.

Dr. Phil Rosenow, Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung IVV
Dr. Phil Rosenow, Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung IVV
© Fraunhofer IVV

Wo steht die Verpackung im Obst- und Gemüsebereich aktuell – eher am Anfang eines Umbruchs oder bereits mitten in der Transformation?
Bedingt durch die Single-Use Plastics Directive und Packaging and Packaging Waste Regulation ist die Transformation bereits eingeleitet, wird aber vermutlich noch Fahrt aufnehmen. Das von der PPWR ausgesprochene Verbot von Einwegkunststoffverpackungen für frisches Obst und Gemüse betrifft zwar nur Gebinde bis 1,5 kg, allerdings könnten in diesem Zug auch Kunststoffbeutel und –netze größerer Gebinde unter die Lupe genommen werden.

Welche Verpackungslösungen werden derzeit als besonders vielversprechend diskutiert – und welche davon halten Sie tatsächlich für marktfähig?
Wir sehen zwei potenziell nützliche Ansätze – die gleichgewichtige Schutzatmosphäre (EMAP) und Beschichtungen. Eine auf EMAP ausgelegte Verpackung nutzt gezielt eingebrachte Löcher, um zusammen mit dem Stoffwechsel des verpackten Obsts und Gemüses eine Atmosphäre zu schaffen, die den Inhalt am Leben hält, aber seinen Stoffwechsel so weit wie möglich verlangsamt. Damit wird auch die Reifung langsamer und die Haltbarkeit verlängert, während Mikroorganismen unterdrückt werden - die Verpackung bekommt einen deutlichen Mehrwert für die Vermeidung von Lebensmittelabfällen. Viele handelsübliche Verpackungen haben Löcher zur Ventilation. Mit unserer Modellierungssoftware sehen wir aber, dass die oft zu groß sind, um diese Wirkung zu erzielen. Eine Beschichtung direkt auf der Haut einer Frucht wirkt ähnlich wie eine Verpackung – richtig eingestellt verlängert sie die Haltbarkeit, indem sie wie eine EMAP die Reifung und das Wachstum von Mikroorganismen verlangsamt. Bisher werden diese Beschichtungen oft auf Lebensmitteln aufgebracht, deren Haut nicht mitgegessen wird; Avocados sind das Paradebeispiel. Bei Arbeiten an Karotten konnten wir auch für diese ein erhebliches Potenzial für Beschichtungen in diesem Fall sehen. Geeignete, essbare und geschmacksneutrale Formulierungen für Beschichtungen könnten die Schutzwirkung einer Verpackung leisten, ohne zur Abfallproblematik beizutragen.

Wo sehen Sie aktuell die größten Zielkonflikte zwischen Nachhaltigkeit, Produktschutz, Kosten und Logistik?
Halten wir fest: eine Verpackung ist nachhaltig, wenn sie - ökonomisch und ökologisch - mehr einspart als sie "kostet”. Das äußert sich beim Produktschutz direkt über die Vermeidung von Lebensmittelabfällen. Idealerweise schützt die Verpackung nicht nur gegen Schäden, Verluste und Verschmutzung, sondern verlängert auch die Haltbarkeit ihres Inhalts. Gerade beim letzten Punkt ist im Frischebereich noch einiges Potential auszuschöpfen. Auch logistisch können Verpackungen wirken, wenn sie die Handhabung der Ware vereinfachen, wobei hier auch Transportverpackungen zum Einsatz kommen und anderweitig lose Ware aufnehmen können. Ein Konflikt zwischen Nachhaltigkeit und Logistik entsteht oft bei Alternativen zu Kunststoffen, die schwerer sind und damit zu erhöhten Umweltwirkungen beim Transport führen.

Gibt es Entwicklungen oder Materialien, die Ihrer Einschätzung nach überschätzt werden?
PLA (Polymilchsäure) ist einerseits recht interessant als biobasiertes Material mit vergleichsweise guten Barriereeigenschaften. Andererseits ist es nicht nur nicht so gut bioabbaubar wie manchmal angedeutet; etwa wird im heimischen Kompost nicht mit einem Abbau zu rechnen sein. Zudem wird es zu Milchsäure abgebaut, versauert also beim Abbau auch noch seine unmittelbare Umgebung. Kommt zu viel PLA zusammen, kann der Abbau die Mikroorganismen schädigen, die dafür verantwortlich sind.
 

Wie wird sich die Verpackung im Frischebereich in den nächsten fünf bis zehn Jahren konkret verändern – worauf kommt es besonders an?
Das Verbot von Einmal-Plastikverpackungen für Gebinde unter 1,5 kg im Frischebereich wird einige gewohnte Verpackungen betreffen, vor allem Beutel, die keine unverzichtbare Schutzwirkung ausüben. Zwar ist es eine Herausforderung, etablierte umfangreiche Lieferketten und Abpacksysteme umzustellen, gleichzeitig ist dies aber auch eine Chance für eine Transformation zu mehr Nachhaltigkeit. Der Komfort von Verpackungen wird sehr wahrscheinlich in anderer Form weiterleben – beispielsweise bei Äpfeln in kleineren Mengen sind die Folienumwicklungen von Schalen ja schon weitläufig durch Konstruktionen aus Karton ersetzt worden. Für Beeren, die ja einen guten Schutz gegen mechanische Schäden brauchen, könnten Plastikschalen durch andere Materialien ersetzt werden, z.B. Faserguss. Kritisch wird sein, die leichtgewichtigen Kunststoffverpackungen nicht durch Schwergewichte zu ersetzen, die ihre Vorteile durch erhöhte Transportkosten (ökologisch wie ökonomisch) zunichte machen. Mehrweglösungen oder abbaubare Materialien könnten sich hier etablieren.

Welche Rolle spielt der Konsument aus Ihrer Sicht – ist er eher Treiber oder eher limitierender Faktor?
Grundsätzlich können Konsumenten beide Rollen einnehmen, zumal Konsumenten unterschiedliche Möglichkeiten und Interessen haben. Viele Konsumenten sorgen sich um Nachhaltigkeit und werden gut kommunizierte nachhaltige Verpackungslösungen gerne annehmen. Auf der anderen Seite ist die Bereitschaft begrenzt, für nachhaltigere Verpackungen einen Aufpreis zu bezahlen. Auch die Bequemlichkeit von Verpackungen ist eine Gewohnheit geworden; zu einem gewissen Grad können alternative Materialien diese erhalten, aber nötige Verhaltensänderungen könnten einen gewissen Widerstand hervorrufen.

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  • Verpackung